Archiv für den Monat: Oktober 2015

Auch ich war in Hannover … *

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Vier Anmerkungen und ein Fazit zur Tagung „Forschungskommunikation unter PR-Druck“

Da zwei berufenere Kollegen (Josef Zens und Rainer Korbmann) deutlich schneller und ausführlicher als ich kommentierten, was am 5./6.10.2015 so alles auf der Tagung der VolkswagenStiftung „Forschungskommunikation unter PR-Druck“ gesagt wurde, beschränke ich mich auf vier kurze Lehren und ein Fazit:

1) „PR ist nicht die dunkle Seite der Macht!“ Diesen Anfangsworten von Jens Rehländer, Leiter der Kommunikation der VolkswagenStiftung, pflichte ich bei. So haben etwa Markus Lehmkuhl (Berlin) und Petroc Summer (Cardiff) deutlich gezeigt: a) Wissenschaftler sorgen schon vielfach selbst dafür, dass ihre Forschungsergebnisse übertrieben und gehypt werden („Wer nicht auf den Busch klopft, bekommt keine Drittmittel“), b) übertriebene Presseinfos ziehen übertriebene Berichte nach sich, dagegen sachlich korrekte Presseinfos sachlich unaufgeregte Berichte, und c) beide, sowohl übertriebene wie sachlich korrekte Presseinfos haben die gleichen Chancen, von den Medien verbreitet zu werden;

2) Nicht die Wissenschafts-PR, wie im Vorjahr, stand im Fokus der Kritik, sondern die Wissenschaft und das Wissenschaftssystem selbst. Dysfunktionen der neuen Steuerung von Wissenschaft, falsche Drittmittelallokation, Hirschindex, Exzellenzhype, suboptimale Publikationspraktiken, unzuverlässige Befunde diskreditieren die Wissenschaft und ihr System, so etwa Uwe Schimank (Bremen) und Hannelore Daniel (München). Hier gilt es, auf ein Normalmaß zurückzurudern. Aber wie …? 
Jens Rehländers Schlusswort: „Große Offenheit, aber kein Silberstreif am Horizont“ stimme ich in Bezug auf Wissenschaft zu, nicht aber aber in Bezug auf die Wissenschaftskommunikation. Da melde ich Widerspruch an, denn …

3) … den Silberstreif am Horizont finde ich im Zusammenschluss einer Reihe von Kolleginnen und Kollegen der Wissenschafts-PR, die kürzlich den Entwurf von „Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR“ zur Diskussion vorgelegt haben. Diese Leitlinien verdienen es, intensiv diskutiert, verbreitet und schließlich befolgt zu werden. Der PR kommt in Zukunft eine deutlich größere Verantwortung zu.

4) Der Wissenschaftsjournalismus verschwindet zunehmend von der Bildfläche, je mehr Zeitungen fusionieren und Verlage Sparprogramme durchsetzen. Das bedauere ich ausdrücklich. Ein Ausbruch in Hannover dazu: Nachdem Katrin Zikannt (Süddeutsche Zeitung) leider auf der alten Leier elitärer Wissenschaftsjournalisten gespielt hatte, wonach Pressemitteilungen schlecht und überflüssig seien und man Informationen aus ganz anderen Quellen gewinne, machte Stefan Zorn (Medizinische Hochschule Hannover) seinem Namen alle Ehre: Sinngemäß sagte er: ‚Die wenigen vorhandenen Wissenschaftsjournalisten interessieren mich nicht mehr. Mir reicht es, wenn ich eine Presseinformation über den idw verteile und sehe, wie häufig sie von den Medien weiter verbreitet wird.‘ Wörtlich der weitere „Zornesausbruch“: „Die Wissenschaftsjournalisten bekommen wir nicht wieder. Aber ein Korrektiv haben wir: den Shitstorm der sozialen Medien“.

Mein Fazit für die Kolleginnen und Kollegen in der Wissenschafts-PR: Je mehr der Qualitätsjournalismus als Korrektiv der Wissenschaftskommunikation ausfällt, desto mehr mussen sie in Zukunft Verantwortung übernehmen, desto mehr Selbstbewusstsein gegenüber Rektoren, Präsidenten und Wissenschaftlern ist nötig. Aber das Selbstbewusstsein muss mit ebenso viel Selbstkritik gepaart sein und mit noch größerer Sorgfalt bei Verfassen eigener Presseinfos und sonstiger Erzeugnisse, die nun direkt das Publikum erreichen. Die Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR sind eine wichtige Handreichung dazu – sie kann man getrost auch allzu forschen Forschern (der politcal correctnes geschuldet: auch „-innen“) unter die Nase reiben.

*) Das Ambiente hatte Flair, der Wein war ausgezeichnet, die Speisen mundeten, so dass man gar nicht mehr wegwollte – also: „et in arcadia ego“

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