Archiv der Kategorie: Sprachkritik

Vom Verlust der leisen Töne

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Vor knapp zwei Jahren habe ich mir „neue Ohren“ gegönnt, na ja, ein Paar Hörgeräte. Zu lange hatte ich mich in lauter Umgebung aus Gesprächen ausgeschlossen gefühlt; ich konnte einfach die Stimmen der einzelnen und was sie sagten nicht mehr so genau unterscheiden. Mit den neuen Hörgeräten bin ich wieder mitten im Geschehen: Ich kann den meisten Gesprächen folgen, manches Musikstück entdecke ich neu und empfinde dabei einem besonderen Genuss; außerdem höre ich plötzlich wieder Wasser aus dem Hahn rauschen, Papier rascheln und selbst gelegentlich das leise Piepsen der Spülmaschine, die das Ende des Programms ankündigt. Viele verloren gegangene Töne sind wieder da!

Dennoch vermisse ich die leisen Töne! Noch mehr vielleicht die Zwischentöne. Aber ganz wo anders. Als Mensch der Medien und der Kommunikation verfolge ich natürlich die tägliche Nachrichtenwelt mit großer Neugier und sehe, dass sie hier weitgehend verloren gegangen sind. Übrig geblieben ist fast allein das laute Geschrei. Das zeigt sich besonders dieser Tage bei den Stimmen und Kommentaren zu den Sondierungsgesprächen für die so genannten Jamaika-Koalition, ihrem Scheitern und der hastigen Suche nach Auswegen zwischen Neuwahlen, Minderheitsregierung und erneuter Großer Koalition. Eine Meute von Tagesjournalisten hetzt die Politiker vor ihre Kameras und Mikrofone, aber mir kommt es vor, dass sie den Antworten kaum noch zuhört. Es ist, als ob sie nicht mehr die Zeit hat, das Gesagte zu verarbeiten, oder es auch gar nicht will. Besserwisser sind zumeist unterwegs und verkünden ihre Meinung in aufgeregter und hochgerüsteter Sprache.

Kommen Politiker nach zehnstündigen Verhandlungen („Gesprächs-Marathon“) müde und abgeschlagen aus der Sitzung, steht bereits die Meute hungrig vor ihnen: zahllose Mikros und Kameras nehmen auf, was jene zu sagen haben müssen, ohne dass sie überhaupt vorher die Zeit hatten, die Ergebnisse ihrer stundenlangen Beratungsrunden zu reflektieren. Sie sind gezwungen sich dem zu beugen – sie müssen sprechen, auch ohne groß nachzudenken; sie haben es ja in vielen Medientrainings gelernt, ihre häufig genug wenig inhaltsvollen „Statements“ einfach abzuspulen. Journalisten erwarten nur bestätigt bekommen, was sie selbst längst zu wissen glauben oder als richtig erkannt und in der Wartezeit schon in die Kameras und Mikrofone dem Publikum verkündet haben. Hast ist ihr Kennzeichen: Mehr als 30 Sekunden darf ja das Statement nicht dauern, da schaltet bekanntlich der Zuschauer weg. Und so bleiben bloße Meinungen übrig, aus Zeit- und Gedankenmangel vorgefasst, denen längst die Analyse zum Opfer gefallen ist. „Meinung ist ein Handelsgut. Da geht es darum, lauter, schriller, schneller, schlagfertiger zu sein. Oder darum, auf erwartbare Fragen erwartbare Antworten zu geben. […] Das Schnellurteil wird zum wesentlichen Moment der Kommunikation“ […] „Der Urteilende bleibt unschuldig. Für eine Meinung kann man nicht haftbar gemacht werden“, sagt sehr zutreffend der Kulturphilosoph Joseph Vogl in einem Interview für ZEIT-Wissen (Nov./Dez. 17).

Politikern, die einen harten und mühevollen Job mit viel Verantwortung ausüben, wird mit Respektlosigkeit begegnet. Anstand und Höflichkeit sind verloren gegangen. Selbst die vermeintlich seriösen Medien opfern der Schlagzeile den Anstand. So lese ich in der ARD-Tagesschau die Nachricht-Bauchbinde „Sondierer zum Rapport beim Bundespräsidenten“, als ob hier der Gefreite vor dem Oberst strammstehen muss. Auch so ein erfahrener Kommentator wie Hans Prantl (Süddeutschen Zeitung) wirft sich in Pose und macht scheinbar gedankenlos den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner mit dem Vorwurf der „Verantwortungslosigkeit“ nieder, als ob dieser völlig unbedacht, sich Verhandlungen entzogen habe. Und im nächsten Augenblick wirft Prantl sich in die Pose des Staatsmanns und redet eine „Große Koalition“ herbei, gleichsam als ob Aufgabe des Journalisten Politik zu machen sei. Statt mit analytischer Kritik wird dem gewählten SPD-Vorsitzenden Martin Schulz mit Häme begegnet. Und Titelblätter von vermeintlich seriösen Wochenmagazinen überschreiten schon mal zugunsten des Marketings die Grenzen des guten Geschmacks und bewegen sich am Rand der Beleidigung (Beispiel). Interviews kommen im rüden Ton des Exekutionskommandos daher. Schließlich versteigen sich viele Medien auch noch zu behaupten,  die ganze Welt sei „besorgt über die politische Krise in Deutschland“. Merken sie nicht, dass sie völlig aus der Rolle fallen? Weniger stabile Länder als Deutschland wie etwa Belgien, kommen sogar ein Jahr ohne eine neue Regierung aus und gehen deshalb nicht unter. Warum sollte gerade unser Land, wirtschaftlich stark und stabil wie kaum zuvor, deshalb abstürzen?

Was mir an der ganzen Aufregung missfällt, ist die Aufregung selbst: das ständige laute Geschrei, das jeden leisen Ton unmittelbar und fast völlig übertönt, so dass kein Zwischenton mehr hörbar ist, geschweige denn zugelassen wird. Unanständig empfinde ich die „Besserwisserei“ insbesondere der politischen Journalisten und Kommentatoren. Nicht allein, dass sie sich immer wieder „gemein machen mit der Sache“, der Meinung des vermeintlichen „Mainstreaming“ – heute die der Verantwortung heuchelnden Moralisten und morgen wer weiß welchem Trend…  Man merkt Ihnen auch leicht an, nach wessen Wind sie sich gleich wieder drehen werden.

Dabei wäre doch ihre Aufgabe eine ganz andere: Als kenntnisreiche aufmerksame Betrachter der politischen Entwicklung erwarte ich von ihnen die Analyse, das Abwägen und das Einordnen ohne vorgefasste Meinung. Wohltuend war für mich dieser Tage ein Post auf Facebook mit einem Ausschnitt aus einer Gesprächsrunde aus dem Fernsehen der 70er: Die Moderatorin Marianne Koch im Gespräch mit Vicco von Bülow, besser bekannt als „Loriot“. Was heute Gang und Gebe ist, hat er damals schon erkannt und verurteilt: „Was mich stört […] ist, dass mit dem Fernsehen Politik gemacht wird, weil sehr viele Fernsehleute es nicht lassen können, ihre völlig unmaßgebliche politische Meinung über den Bildschirm verbreiten zu müssen.“ Auf Nachfrage präzisiert er: „Dass aber einer so tut, als ob er in Besitz der Wahrheit sei, und sagt er sei objektiv, was er aber in Wirklichkeit macht, ist dass er in schlimmster Werbemanier seine persönlichen politischen Ansichten verkauft – es ist widerwärtig!“ Loriot verlangte von Fernsehleuten (und das sollte von mir aus auch für andere Medien gelten), aus ihrer persönlichen politischen Meinung ein Rätsel zu machen. Denn: „Der richtige Platz eines verantwortlichen Fernsehmachers ist zwischen allen Stühlen und nicht auf den selben.“

Es wäre Zeit, sich vom  bloßen Meinen wegzubewegen hin zu einer Kultur der Neugierde und dem Bedürfnis nach Analyse und Verstehen. Dahin wünschte ich mir Medien zurück. Dafür sind neben tiefer Kenntnis der politischen Lage, der Fähigkeit zu klaren und aus Neugierde begründeten Fragen die leisen Töne notwendig. Und dazu ist eine Eigenschaft unabdingbar: Distanz zur eigenen Person! Sie findet man immer seltener in politischen Ressorts der Medien, wohl aber in manchen politischen Beiträgen von Feuilletonisten.

Weg von den Superlativen und dem allgemeinem Geschrei wäre mehr als hilfreich, und natürlich mehr Zeit! Warum müssen sofort nach Ereignissen fertige Meinungen präsentiert werden? „Zeitdruck erschwert Manieren“, sagt zurecht Joseph Vogl. Wenn die Medien sich manchem Druck entzögen, würde vielleicht auch das Publikum wieder lernen, jene leisen Töne und Zwischentöne zu hören, die es insbesondere mit dem Aufkommen der sozialen Medien zu hören verlernt hat und wodurch es selbst inzwischen zur lauten, hetzenden Meute geworden ist.

Aber vielleicht tragen nicht nur die Journalisten und Kommentatoren Schuld, sondern in erster Linie die Änderungen in der Struktur der Öffentlichkeit und die Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen. „Das Medium ist die Botschaft“ schrieb Marshall MacLuhan in den frühen 60ern. Die heutige Hast, die ständige Erreichbarkeit, die Vielzahl an 24-Stunden „live news“, die fortwährenden Tweets, Facebook Postings und Whatsapp Nachrichten lassen kaum noch Zeit für Analyse und Zurückgezogenheit. Dabei sein ist alles – als ob die mediale Präsenz zur neuen Olympischen Disziplin avanciert ist. Ist daher jede Forderung nach Innehalten sinnlos?

Ich hoffe nicht. Man könnte mir vorwerfen, ich sei völlig aus der Zeit gefallen. Vielleicht ist es so. Obwohl auch ich mich der Faszination des Dabeiseins nicht entziehen kann, obwohl auch ich auf Facebook aktiv, gelegentlich in Twitter unterwegs bin, gönne ich mich zunehmend die Ruhe zum Lesen dicker Bücher und langer Beiträge. Ich ziehe mich zunehmend dafür auf die Couch und das stille Zimmer zurück Und was die laute Welt angeht: Manchmal bin ich sogar froh und glücklich über die Möglichkeit, die Hörgeräte ausschalten und mich dieser leiseren Welt zu widmen zu können.

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„Postfaktisch“ – ein Kampfbegriff von Intellektuellen

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In den letzten Monaten macht der Begriff „postfaktisch“ die Runde durch die deutschen Medien – und heute (9.12.2016) ist er von der Deutschen Gesellschaft für Sprache und Literatur zum „Wort des Jahres“ geadelt worden. Besser wäre, sie hätte ihn zum „Unwort des Jahres“ gewählt!

Seine Karriere ist, so meine Beobachtung, sehr eng verbunden mit den Lügen, die der inzwischen gewählte designierte Präsident der USA, Donald Trump, im Wahlkampf verbreitet hat. Inzwischen vergeht kaum ein Tag, an dem nicht insbesondere intellektuelle und bürgerliche Journalisten das „postfaktische Zeitalter“ ausrufen oder herbeischreiben wollen. Selbst ins berühmte Oxford Dictionary hat der Begriff „post truth“ Eingang gefunden. Und nur wenige Stimmen höre ich, die da widersprechen, so etwa Joachim Müller-Jung (FAZ) „Die ‚postfaktische Ära‘ ist Nonsens“, oder zuletzt Prof. Andreas Zick auf dem „Forum Wissenschaftskommunikation“ in Bielefeld, der den Begriff zurechtrückt: „Postfaktisch ist ein falscher Begriff, es geht um Verzerrung.“

Seien wir ehrlich: Gelogen wurde schon immer! Es gibt kaum ein Zeitalter, in dem nicht die Lüge Alltag war und ist: Die Geschichte ist voll von Herrschern und Politikern, die ihr Volk belogen, von Heeresanführern, die ihre Soldaten mit dem „Eldorado“-Versprechen in den Tod schickten, von Religionsstiftern, die das Paradies und dort gar die 70 Jungfrauen versprachen und noch immer versprechen. Mit einem gewissen scharfen Blick könnte man die gesamte Christliche Religion als auf Lüge aufgebaut darstellen, oder glaubt jemand wirklich an die Wahrheit der „Auferstehung“ des Leibes (allein die Vorstellung, was ich dort zu sehen bekäme, dreht mir den Magen um)? Wer Karlheinz Deschners „Das Kreuz mit der Kirche“ liest, bekommt einen tiefen Einblick in die Lügen der Katholischen Kirche. Es ist Zeit, Oscar Wilde wieder zu zitieren: „Truth, in matters of religion, is simply the opinion that has survived.” Und gilt das nicht auch in Politik, Wirtschaft, Alltag?

Meines Wissens hat außer Immanuel Kant (1724-1804) kaum ein Philosoph die Lüge und das Lügen so sehr und so konsequent geächtet; Kant hat noch nicht einmal die Notlüge zugelassen. „Konsequent zu sein, ist die größte Obliegenheit eines Philosophen, und wird doch am seltensten angetroffen“, schreibt er in der „Kritik der praktischen Vernunft“. Aber er wusste auch, dass ihm kaum jemand in dieser Konsequenz folgen würde. Auf der anderen Seite der Skala Friedrich Nietzsche (1846-1900). In seinem kurzen Text „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“ bezeichnet er die „Verstellung“ als „das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten …“ und dass die „Verstellungskunst“ im Menschen „auf ihren Gipfel“ kommt. Unter diese Kunst subsumiert er u.a. Täuschung, Schmeicheln, Lügen und Trügen, Hinter-dem-Rücken-Reden“ usw. um schließlich zu fragen: „Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur Wahrheit“, um dann zu urteilen: „Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind …“

Und wer ist schon so konsequent im Leben, wie Kant es gefordert? Wohl kaum einer uns. Will man Psychologen glauben, zeigen ihre Untersuchungen, dass jeder Mensch täglich lügt – die Bandbreite variiert wohl zwischen zwei und 200 Mal.

Was nutzt uns dann, wenn wir von „postfaktisch“ oder vom „postfaktischen Zeitalter“ sprechen? Wenn ich es richtig beobachtet habe, ging dem Begriff des „Postfaktischen“ zumindest in Deutschland der Vorwurf der „Lügenpresse“ voraus. Mit diesem Kampfruf bekämpfen (oder reagieren?) AfD, Pegida und ihre Anhänger insbesondere auf die etablierten bürgerlichen und linken Medien. Sie glauben ihnen schlicht nicht mehr; nicht, was Tagesschau, ZDF-Heute, die FAZ, SZ, ZEIT, der Stern und wie sie alle heißen, täglich verbreiten. Die Frage, ob zu Recht, stellt sich mir nicht, aber sehr wohl warum?

Meines Erachtens hat das „Warum“ diese Woche Stephan Lebert im Feuilleton der ZEIT (51/2016) mit seiner Kritik am Journalismus sehr gut dargelegt: Er wirft seiner Zunft vor, Teil des Establishments geworden zu sein, nicht mehr Geschichten und insbesondere nicht mehr Sozialreportagen zu erzählen: „Wir Journalisten haben bei dieser Entwicklung zu oft zugeschaut, haben zwangsläufig mit diesem Apparat {gemeint sind PR-Agenturen, Politikberater, Imageveränderer jk} zusammengearbeitet, mal besser und mal schlechter – und haben dabei einen fatalen Fehler gemacht: Wir haben darüber nicht berichtet, jedenfalls viel zu wenig. Wir haben die Manipulatoren wirken lassen – haben den Lesern und Zuschauern, also den Leuten, für die wir schreiben und senden, davon aber nichts mitgeteilt.“

Für mich folgt daraus, dass das Wort „postfaktisch“ die Reaktion der bürgerlichen und linken Intellektuellen auf den Vorwurf „Lügenpresse“ ist. „Postfaktisch“ ist genau so gummiartig, inhaltsleer, appellativ, vorwurfsvoll wie „Lügenpresse“. Es ist genau so falsch und genau so ein Konstrukt wie jenes. Nur dass „Lügenpresse“ uns „Intellektuelle“ erreicht und ins Herz trifft, umgekehrt „postfaktisch“ scheinbar an der Gegenseite abprallt, nicht die gleiche Wirkung erzielt. Macht nix, könnten wir sagen. Da wir bürgerlichen Intellektuellen, Akademiker usw. die breite Mehrheit der Qualitätsmedien lesen, ausmachen, beherrschen, können wir uns mit dem Begriff noch immer unseres eigenen „Besser-Seins“ versichern.

Darin liegt für mich die Krux und wesentliche Funktion des Begriffs „postfaktisch“: Er ist für uns ein Distinktionsmittel, um sich vom so genannten Pöbel oder von den rechten Gruppierungen zu unterscheiden, sich von ihnen weiter abzuwenden. Dass in und mit ihm zugleich die Hybris des „Besserwissers“ transportiert wird, will man nicht sehen.

Letztlich ist es so, dass unsere – sagen wir – antiintellektuellen Kontrahenten vermutlich auch Fakten wahrnehmen, nur stimmen diese Fakten nicht mit unserer Wahrnehmung überein – das meint Andreas Zick, wenn er von „Verzerrung“ spricht. Nun kann man lang und breit darüber philosophieren, woran das liegt. Es gibt vielerlei Gründe für diese Entwicklung. Der für mich – neben der Zersplitterung des Bildungsbegriffs –  offensichtlichste und entscheidende Grund ist die zunehmende Segmentierung von Öffentlichkeit, nicht nur aber nicht zuletzt durch Algorithmen. Wenn jeder nur noch die „Fakten“ in seiner eigenen Blase wahrnimmt und wahrnehmen will, lebt er – um ein altes Bild zu bemühen – mit Scheuklappen, ebenso wie jene, die Fakten ihrer anders gearteten Blase wahrnehmen.

Machen wir uns nichts vor: Es gibt schon lange nicht mehr die „Einheit von Tagesschau, Lokalzeitungen, FAZ, SZ, und Durbridge“ (damit Jüngere was zu „googeln“ haben 😉 ), Medien zumeist der 60+-Generation. Und weil das so ist und uns die Algorithmen in den sozialen Medien sowohl in Gruppen zusammenschmieden wie voneinander abgrenzen, sehen wir uns abgetrennt von Wahrnehmungen und Fakten anderer. Da begünstigt und fügt die Anonymität im Netz noch Aggression hinzu, und schon ist der Schritt zu „Hassreden“ getan.

Was tun also, um nicht zu resignieren vor Oscar Wildes Satz „Truth is independent of facts always“? In den Naturwissenschaften gibt es eine methodische Vereinbarung auf die Replikation der Ergebnisse, in den Geisteswissenschaften bei allem Methodenpluralismus eine Offenheit gegenüber Argumenten anderer. Aber auch die Wissenschaft ist eine Blase – meine Blase. Wie wir in ihr miteinander reden, uns untereinander auseinandersetzen, kommt in der breiten Mehrheit nicht an, bei allem Bemühen von Wissenschaft im Dialog, Wissenschaftskommunikation, Wissenschaft in Medien und auf der Straße.

Was tun also? Für die jüngere Generation gilt – in Abwandlung von Helmut Markworts „Fakten, Fakten, Fakten“ – mehr den je in „Bildung, Bildung, Bildung!“ investieren. Mehr und besser ausgebildete Lehre, mehr Zeit fürs Studium, anstelle des gegenwärtigen Durchhechelns von Prüfung zu Prüfung im Bulimie-Studium.

Und für die anderen? Ist für die Älteren der berühmte Zug schon abgefahren? Das wäre zu kurz gedacht und wir würden uns nicht an die eigene Nase packen. Besser ist es Innehalten, Zuhören, über Gesagte nachdenken, bevor man impulshaft „postfaktisch“ zuraunt. Aber es gilt auch, Standfestigkeit zeigen, die Quellen der anderen sichten, ihren Gehalt gegebenenfalls als falsch zurückweisen bzw. gegen die eigenen abgleichen.

So hat in den letzten 20 Jahren in kaum einem westlichen Land der Durchschnitt der Bevölkerung von der Globalisierung profitiert, wohl haben es aber die Konzerne und die Finanzindustrie. „Die Haushaltseinkommen der unteren 30 Prozent der Einkommensbezieher sind hierzulande seit 1991 nicht mehr gestiegen“, so der Würzburger Ökonom Peter Bofinger in der ZEIT. Trump, Le Pen, Frauky sind also nicht die Lösung des Problems, sondern die Folgen, insbesondere des entfesselten Kapitalismus und und der damit verbundenen Globalisierung und der Krise seit den 2000er Jahren.

Daher gilt: Lügen kann man entlarven! Aber Fakten stehen nicht für sich – sie bedürfen der Interpretation. Wie man sie interpretiert, ist eine Frage der Lebensvorstellung und Lebenseinstellung!

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„Herausforderung“  

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Über die Verarmung der deutschen Ausdrücke

Neulich las ich in einer Stellungnahme der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) zur „Humanen Genomsequenzierung“ folgende Zeilen: „Eine besondere Herausforderung stellen die sogenannten Zusatzbefunde dar.“ Und nur einen Gedankenstrich weiter: „Die Aufklärung von Patientinnen und Patienten bei humangenetischen Fragestellungen ist besonders herausfordernd und vielschichtig.“ Die Beispiele sind beliebig, ich könnte Hunderte weitere solcher Sätze aus Stellungnahmen, Pressemitteilungen und auch aus Interviews von Politikern zitieren. Ein weiteres Beispiel gefällig: „Geld hatte der Staat zu Zeiten der Hochschulgründungen genügend, die Politik hoffte mit Zuversicht, dass die Region sich als blühende Wissenslandschaft entfalten würde. Die Hege und Pflege dieses Erbes ist bis heute eine Herausforderung.“

Was kaum noch auffällt: Jedes Problem, jede Aufgabe, jede Schwierigkeit, ja auch jede Brüskierung, jede Bedrohung, jeder Affront wird verharmlost zur „Herausforderung“. „Herausforderung“ bzw. „herausfordernd“ gerinnen zu einem „Plastikwörtern“ (Uwe Pörsken): Diese Wörter tauchen in beliebigen Zusammenhängen auf, sind vielfältig verwendbar, klingen gut, man fragt nicht danach, was dahinter steckt bzw. die Sprecher sagen wollen; sie drücken sich damit aber stereotypisch und geschwollen aus.

Was meint nun Herausforderung? Im Alt- und Mittelhochdeutschen war mit „fordern“ ein „Verlangen“, aber auch das „anklagen“ verbunden, die Vorladung vor das Gericht; dahinter steckte auch anmahnen, befehlen, später das auch „überfordern“ und „ausdrückliches Verlangen“. Das Grimmsche Wörterbuch verbindet es noch mit der „provocatio“, (lat. die „Herausforderung zum Kampf“ bzw. „die Berufung auf einen höheren Richter“). Noch im 19. Jahrhundert „forderten“ sich Kontrahenten, so sie satisfaktionsfähig waren, zum Duell „heraus“.

Heute ist das alles passé! Man hat keine Probleme mehr, sondern steht vor (positiv ausgedrückt) Herausforderungen, man steckt nicht in Dilemmata, sondern vor einer Herausforderung, der Humangenetiker ist „herausgefordert“, die Nachricht eines bedrohlichen genetischen Defekts möglichst in Watte zu verpacken.

Soweit ich es beurteilen kann, ist das Wort „Herausforderung“ nicht zuletzt verarmt durch das Aufkommen der so genannten „political correctnes“. Zwar findet man für das englische Wort „Challenge“ ähnliche Bedeutungsnuancen wie „Aufforderung“, „Problem“, „Schwierigkeit“ etc. Aber weitere Nuancen mischen sich hinein und gewinnen an Bedeutung, darunter insbesondere – in der Übersetzung – „lockende Aufgabe“ und „Behinderung“. So darf man seit der Verbreitung der political correctnes nicht mehr sagen, jener sei „disabled“ („behindert“), sondern „challenged person“ („besonders herausgefordert“).

Die Sprache der „political correctness“ hat meines Erachtens viel mit der Sprache der Public Relations und des Marketings gemeinsam – und natürlich der Sprache des Politikers vor der Presse. Zwar sollen Pressesprecher die „Wahrheit“ verkünden, sie machen aber sehr schnell im Job die Erfahrung, dass sie zwischen allen Stühlen sitzen. So sehr sie um Glaubwürdigkeit bei Journalisten bemüht sind, so sehr sind sie dennoch Vertreter ihrer Institutionen und somit ihr und ihren Chefs die unbedingte Loyalität schuldig. So wird alles schön wolkig ausgedrückt, um ja niemandem auf die Füße zu treten oder – ganz natürlich – seinen Job nicht zu gefährden. Das wiederum begünstigt die Verarmung der Sprache. Lese ich neuere Meldungen aus der akademischen Welt etwa, aus den USA, England, aber auch inzwischen einiger deutscher Universitäten, so komme ich nicht umhin festzustellen, dass dieser Zeittrend sich verstärkt und die Verantwortlichen noch weniger bereit sein werden, „the middle of the road“ zu verlassen. Man möchte ihnen „mehr Mut“ zurufen …

Und so geraten wir immer mehr vor „Herausforderungen“, nicht mehr aber vor die Aufforderung zum akademischen Duell.

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