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Von „Kinder-Unis“ und wie sich journalistische Rollen verwischen

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Neulich war ich wieder mal in Sachen Kinder-Unis unterwegs. Die Redaktion Wissenschaft und Bildung des Deutschlandfunks hatte mich für die Sendung „Campus & Karriere“ zu einem Streitgespräch mit der Tübinger Journalistin Ulla Steuernagel gebucht (gesendet am 16.5.2015). Ich sollte die „Gegnerposition“ einnehmen. Eine Rolle, die ich bereits ein Jahr zuvor auf der internationalen Kölner Kinderuni Tagung „Unterwegs zur besten Kinderuni“ gespielt hatte und in die mich damals Michael Seifert aus Tübingen gleichsam „gedrängt“ hatte. Na ja, „halb zog er mich, halb sank ich hin“.

Wenn ich das Streitgespräch mit Ulla Steuernagel erneut höre, kommt es mir so vor, als ob wir aneinander vorbeireden. Sie hat nur den Blick frei für die Erfolgsstory der Kinder-Unis und deren nicht erwiesene Rolle in der frühkindlichen Bildung. Mein Blick richtet sich daran vorbei auf die Aufgaben, Zielgruppen und Finanzen von Universitäten. Dabei leugne ich keineswegs, dass Kinder vom Besuch der Kinder-Unis fasziniert nach Hause zurückkehren und dass auch Professoren ihren Spaß an den Veranstaltungen haben. Doch darum geht es mir hier gar nicht.

Was mir an diesem Fall symptomatisch erscheint, ist die Vermischung von Rollen und Aufgaben zwischen Journalisten einerseits und den Mitarbeitern in Presse-, PR- und Marketingabteilungen von Hochschulen andererseits. Meine Bedenken entzünden sich daran, dass meine Gesprächspartnerin Ulla Steuernagel als Redakteurin beim Schwäbischen Tagblatt zusammen mit ihrem Kollegen Ulrich Janßen als „Miterfinderin der ersten deutschen Kinder-Uni in Tübingen“ gilt. Die beiden sind 2002 an Michael Seifert, damals Pressesprecher der Universität, mit der Idee herangetreten, eine ‚Universität für Kinder‘ zu veranstalten. Seifert hat diese Idee dankbar aufgegriffen, und so haben die drei den ersten Stein ins Wasser geworfen. Seitdem schwappen die Wellen der Kinder-Unis ohne Unterlass über: Inzwischen gibt es allein in Deutschland mehr als 70 Universitäts- bzw. Hochschulstandorte, die regelmäßig Kinder-Unis veranstalten. Michael Seifert hat zuletzt sogar ein EU-Projekt zu Kinder-Unis koordiniert und geleitet.

Eine Erfolgsstory – doch nicht nur für die Kinder-Unis, sondern erst recht für die „Miterfinderin“ Steuernagel. Sie hat der Universität Tübingen eine ‚Milchkuh‘ aufgeschwatzt, deren bundes- wie europaweiten Erfolg sie für eigene Berichte und Bücher seitdem kräftig ‚melkt‘. Davon zeugen inzwischen drei „Kinder-Uni-Bände“, allesamt „Bestseller“, die „mehrfach ausgezeichnet“ und „mittlerweile in 17 Sprachen übersetzt“ wurden. Das sei ihr gern gegönnt!

Was mir dabei sauer aufstößt: Den Journalisten ist es prinzipiell egal, dass sie Themen erfinden, über die sie im Anschluss berichten (möchten) – und natürlich sind leuchtende Kinderaugen ein willkommener Anlass für bunt-bebilderte Zeitungsseiten, die sich gut verkaufen lassen. Den Universitäten ist es dabei nur recht, dass Medien ihnen Marketingideen ‚verkaufen‘, die diese kontinuierlich für eigene Zwecke ausweiden. Hauptsache, die Unis erfreuen sich daran, das Audimax oder andere Hörsäle mit Grundschul- und anderen Kindern sowie ihren Lehrerinnen und/oder Eltern gefüllt zu sehen – und noch mehr darüber, den Anlass zu geben, dass regionale Medien in großer Aufmachung über sie berichten. Dabei kümmert es sie auch nicht, dass Kinder zwischen sechs und zwölf weder zur eigenen Zielgruppe gehören, noch dass es nicht die Aufgabe von hoch bezahlten Professoren sein kann, Kinder zu belustigen. Dass schließlich arg unterfinanzierte Universitäten ihre knappen Grundmittel für fremde Zwecke einsetzen, sei nur am Rande vermerkt, denn mit Forschung und echter Lehre haben Kinder-Unis nun wirklich nichts zu tun.

Die Kinder-Unis sind für mich aber nur ein Symptom für die zunehmende Verwischung von Rollen zwischen Journalismus, Public Relations und Marketing. Lokalredakteure versammeln allenthalben Chefärzte auf Podien und am Telefon ihrer Redaktionen, laden Leser zu Fragen ein und schaffen auf diese Weise Anlässe für Berichte und jene „Service“-Seiten, die mehr und mehr saisonal passend die Printmedien bevölkern. Spiegel, ZEIT und andere große Blätter machten es schon vor Jahren vor, indem sie ihre Herausgeber, Chefredakteure, Ressortleiter in Veranstaltungen mit Professoren, Politikern, Wirtschaftsmagnaten etc. einbanden und darüber in großer Aufmachung berichteten.

Für beide Seiten ist das – neuhochdeutsch gesprochen – eine echte „win-win-Situation“. Medien, Universitäten, Krankenhäuser und viele andere mehr profitieren gleichermaßen und gleichzeitig von solcher Zusammenarbeit; und sie profilieren sich in fremden Aufgaben, oder soll ich sagen: wildern in fremden Revieren? Der Trend ist nicht brandneu und kaum zu übersehen: Zuschauer und Zuhörer sind längst „Mitgestalter“ von Sendungen und in diese eingebunden – die wohl billigste Form, Radio und Fernsehen zu machen und dabei sich nicht nicht darum zu kümmern, ob die Programqualität darunter leidet.

Wenn also zunehmend Journalisten Entlassungen und den Niedergang ihrer eigenen Zunft beklagen, wenn sie sich weiterhin gezwungen sehen, offen oder verdeckt für PR-Abteilungen zu schreiben, wenn manche Wissenschaftsjournalisten sich mehr um die Qualität von Pressemitteilungen als die eigenen Texte sorgen und wenn umgekehrt Pressesprechern in den Medien die Ansprechpartner abhanden kommen, könnten sich die Beteiligten vielleicht mal fragen: Beschleunigt der Journalismus seinen Fall oder hinterlässt er eine Bremsspur, wenn er bei dieser Zusammenarbeit die Rollen verwischt und dabei seine ursprünglichsten und vornehmsten Aufgaben hintergeht: Kritisch zu berichten und zu kommentieren, was in der Welt geschieht?

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