Archiv für den Monat: Februar 2018

Wissenschaft braucht das Grundvertrauen von Laien

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Der Kölner Philosoph Thomas Grundmann beendet seinen bemerkenswerten Beitrag „Der Weg der Wahrheitsfindung“ mit dem Satz: „Der Erfolg der modernen Wissensgesellschaft beruht essenziell auf Asymmetrien der Glaubwürdigkeit.“ Er folgert daraus, dass das „Vertrauen in Experten und Autoritäten … geschützt und gestärkt werden“ müsse.

Fast reflexartig meldet sich auf den Beitrag der Wissenschafts-PR-Experte Jens Rehländer in seinem Blog mit der reißerischen Überschrift: „Wissenschaftler findet: Wissenschaft braucht keine Öffentlichkeit“. Für ihn enthalten Grundmanns Thesen „starken Tobak“.

Wer hat nun Recht? Grundmann oder Rehländer – oder womöglich beide? Was behauptet denn Grundmann so Schlimmes, das Rehländer zu dieser Reaktion veranlasst?

Nicht jede Meinung zählt gleich

Grundmanns Text ist typisch für Philosophen: Er spitzt seine Beobachtungen auf eine Grundthese zu: „Die moderne Wissensgesellschaft ist durch starke Asymmetrien der Glaubwürdigkeit gekennzeichnet. Nicht jede Meinung zählt gleich viel, und Laien sollten den Experten zumindest fachlich folgen. Die Spielregeln der Wissensgesellschaft unterscheiden sich damit radikal von den Spielregeln der modernen Demokratie, in der jede Stimme gleich viel zählt, Politik dem Wähler verständlich sein muss und allein die Mehrheit entscheidet.“

Auch ich bin Laie

Das klingt plausibel. Ich mache das an mir fest: Ich arbeite seit 30 Jahren in der Wissenschaftskommunikation, lese täglich Berichte aus vielen Wissensgebieten. Als Sprecher der Ruhr-Universität Bochum habe ich 23 Jahre von mehr als 400 Lehrstühlen in 20 Fakultäten – von der Archäologie bis zur Zoologie – ständig Neues erfahren, ein wirklich spannender Job! Diese Texte stammten von Wissenschaftlern, die in der Regel fünf bis sechs Jahre studiert, zwei bis vier Jahre für die Dissertation geforscht, weitere fünf oder gar acht Jahre an seiner Habilitation gearbeitet und seitdem mehrere Projekte durchgeführt haben. Während die Wissenschaftler also sehr tief in ihre Arbeitsgebiete gedrungen sind, kratze ich gerade mal zaghaft an der Oberfläche des jeweiligen Fachs. Selbst wenn ich die Inhalte zumeist nachvollziehen konnte, wurde ich dadurch zu keinem Experten – das bin ich allenfalls in der Wissenschaftskommunikation. Wem gebührt also mehr Vertrauen: Mir als Laien oder den Wissenschaftlern?

Nun kann man mir sagen: Du hast doch auch sechs Jahre studiert, drei Jahre an der Promotion gesessen, usw. Meine Antwort: Aber nur in einem Fach und das vor inzwischen 35 Jahren. In dieser Zeit ist selbst mein eigenes Fach mir so enteilt, dass ich neuere Erkenntnis schwerlich beurteilen kann. So erging es mir kürzlich, als ich mich mit einem aktuellen Text zur Metaphysik befasste – so fern ist mir das Fach inzwischen. Um so weniger kann ich Fächer kommentieren, die ich noch nicht einmal studiert habe. Ich kann mir doch höchstens über die Plausibilität der Aussagen kritische Gedanken machen, falls ich sie verstehe.

Wissenschaftsjournalisten sind keine Wissenschaftler

Nun gibt es die ausgewiesenen Wissenschaftsjournalisten. Ihrem Urteil könnte man mehr Zutrauen entgegenbringen. Aber wirklich mehr als dem des Wissenschaftlers selbst? Nehmen wir jemanden in der Redaktion der FAZ oder SZ oder der ZEIT. Sie mögen Biologie, Physik, Chemie, Archäologie, Geologie oder was auch immer studiert haben. Aber seit fünf, zehn oder gar 15 und mehr Jahren machen sie Zeitung! Sie lesen zwar Nature, Science, PNAS, und andere wichtige Zeitschriften und sind vielleicht am „Puls der Wissenschaft“ – aber doch nicht mitten drin im Herzen oder gar im Kopf. Außerdem müssen sie über weit mehr als nur ihr früheres Fach schreiben, deshalb sind sie keine Experten, nicht vergleichbar dem Wissenschaftler, der unmittelbar die Untersuchung durchführt. Und die Journalisten sind nicht mehr in den tiefen Verzweigungen und Niederungen ihrer „früheren Fächer“ unterwegs, sie kommen allein schon aus Zeitgründen nur wenig tiefer als als der Oberfläche. Sie haben andere Rollen, sie sind Chronisten, Übersetzer, Erklärer und absolut notwendige kritische Beobachter und Kommentatoren der Wissenschaft und können Widersprüche zwischen Wissenschaftlern finden und benennen. Deshalb urteilt das Science Media Center Deutschland zumeist nicht, sondern stellt die Fülle von Expertenmeinungen zusammen. Und das ist gut so!

Von anderen Laien 

Um wieviel weniger ist dann dem Urteil von Laien zu trauen, die Grundmann im Blick hat? Jene, die womöglich vor 15 Jahren Chemie studiert haben, aber inzwischen Manager sind oder als als Quereinsteiger Software schreiben. Was ist mit dem Lehrer, der kaum Zeit hat, Schritt mit dem Fach zu halten? Dem Mathematiker in einer Versicherung? Alles Akademiker, sie mögen gut in ihrem Job sein, sind aber Laien überall anderswo – übrigens genau wie der Wissenschaftler, der nur und allein in seiner Fachnische Experte ist und überall anderswo nur ein Laie!

Nochmal Grundmann: „Natürlich sind Wissenschaftler weder unfehlbar noch unbestechlich und frei von Eigeninteressen.“ Genau deshalb fordert er Laien dazu auf, kritisch zu bleiben, erst recht, wenn zwei oder mehr Experten sich widersprechen oder „es Indizien dafür gibt, dass der Experte interessengeleitet oder bestochen war.“

Aber für Grundmann gilt, dass „das Vertrauen in die Experten der zuverlässigste Weg der Wahrheitsfindung“ ist. „Das System selbst beinhaltet Korrekturmechanismen, durch die Fehler aufgedeckt werden.“ Hat nicht unlängst die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Rolle von Ombudspersonen gestärkt, führen nicht Plagiate zu Sperrung bei Drittmittelanträgen, hat nicht die Wissenschaft selbst einen Herrn Schön, einen Herrn Kwang und andere aus ihrer Gemeinschaft verbannt?

Rehländer bemängelt zu Recht das „gefühlt stetig wachsende Maß mit Widerrufen von peer-reviewed Artikeln“, die bestellten Gutachten. Aber wie viele Verfehlungen kommen tatsächlich vor im Vergleich zu der großen Menge an Forschungstexten? Sind jene nicht verschwindend gering im Vergleich, nur dass diese dann von Medien hochgepuscht werden?

Grundmann schreibt: „Der Laie sollte Expertenmeinungen sogar dann folgen, wenn sie ihm eher abwegig erscheinen“ – einen Satz, den Rehländer auf Twitter besonders herausgestellt hat. Aber: Ist die Vorstellung von „Schrödingers Katze“, die gleichzeitig lebendig und tot ist, nicht etwa abwegig? Und wer außer Experten versteht wirklich die Quantentheorie oder hat eine genaue Vorstellung vom Higgs-Teilchen? Kann ich als Laie mir ein Urteil darüber erlauben?

Wie kann daher die Laienmeinung genau so viel Wert sein, wie die vom Fachwissenschaftler? Ich diskutiere auch nicht mit dem Piloten über die Route und ob eine andere Kerosin spart. Und ich vertraue meinem Zahnarzt, wenn er den Zahn zieht, und diskutiere genauso wenig mit dem Förster, ob er diesen oder besser jenen Baum abholzen lässt … Warum also sollte die Schar der Laien jeden Wissenschaftler in Frage stellen dürfen?

Kakophonie zerstört Werte

Grundmanns Hauptthese ist, dass die Vielstimmigkeit von Laien im Internet zum Teil die Expertenmeinung übertönt, dass sich hier Personen Urteile über alles mögliche erlauben (können), ohne überhaupt in die Wissenschaft eingedrungen zu sein, und dass sie so auf Dauer das Vertrauen in die Experten untergraben. Ist diese Annahme so falsch angesichts der Kakophonie im Netz? Noch vor wenigen Tagen hat Bernhard Pörksen die „Empörungsdemokratie“ verurteilt und „eine konkrete Bildungsutopie, die Idee der redaktionellen Gesellschaft“ gefordert: „Wir haben mit dem guten Journalismus ein publizistisches Wertegerüst und ein Handwerk, das heute zu einem Bestandteil der Allgemeinbildung werden sollte“.

Grundmanns Schlussakkord: „Das Vertrauen in Experten und Autoritäten muss geschützt und gestärkt werden. Deshalb sollte die Öffentlichkeit aufgeklärt werden, dass sich die Spielregeln der Wissensgesellschaft und der Demokratie unterscheiden.“ Was ist daran falsch? Ob etwas der „Wahrheit“ entspricht – oder wie es in der Wissenschaft heißt: noch nicht falsifiziert ist -, das ist doch keine Frage, die per Mehrheitsentscheidung bestimmt wird.

Demokratie und Gesellschaft haben eine andere Funktion: Sie geben das Geld für die Wissenschaft und können mit Fug und Recht verlangen, dass Wissenschaftler sich an die eigenen Regeln halten!  Und sie bestimmen weitgehend, ob bestimmte Wissensgebiete nach gesellschaftspolitischen oder ethischen Maßstäben mehr oder weniger oder gar nicht beforscht werden sollten.

Kein Ende der Wissenschaftskommunikation

Schließlich die Wissenschaftskommunikation. Selbstverständlich kommunizieren Wissenschaftler mit Laien. Alle Studierende sind es am Anfang des Studiums. Und es gibt mehr oder weniger begnadete Wissenschaftler, die ihr Fach und ihre Erkenntnisse hervorragend auch dem allgemeinen Publikum erläutern und das weiter tun sollen. Sie tun es aber als Lehrende, also als Teil ihrer Profession. Auch die Mitglieder des Siegener-Kreis erwarten das zu Recht von Wissenschaftlern. Und Science-Marchs sind auch nichts anderes als Aufrufe um mehr Vertrauen in die Wissenschaft.

Zu guter Letzt unsere Zunft: Selbstverständlich müssen die Kolleginnen und Kollegen in den Pressestellen kritisch mit den Informationen ihrer Wissenschaftler umgehen. Aber wenn sie von vornherein ihnen nicht ein Grundvertrauen entgegen brächten, könnten sie doch sofort den eigenen Job an den Nagel hängen! Es geht nicht darum, dass keine Wissenschaftskommunikation mehr stattfindet, sondern dass sie sich ihrer eigenen Rolle bewusst bleibt und sich an die eigenen Qualitätsmaßstäbe hält.

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