Auch ich war in Hannover … *

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Vier Anmerkungen und ein Fazit zur Tagung „Forschungskommunikation unter PR-Druck“

Da zwei berufenere Kollegen (Josef Zens und Rainer Korbmann) deutlich schneller und ausführlicher als ich kommentierten, was am 5./6.10.2015 so alles auf der Tagung der VolkswagenStiftung „Forschungskommunikation unter PR-Druck“ gesagt wurde, beschränke ich mich auf vier kurze Lehren und ein Fazit:

1) „PR ist nicht die dunkle Seite der Macht!“ Diesen Anfangsworten von Jens Rehländer, Leiter der Kommunikation der VolkswagenStiftung, pflichte ich bei. So haben etwa Markus Lehmkuhl (Berlin) und Petroc Summer (Cardiff) deutlich gezeigt: a) Wissenschaftler sorgen schon vielfach selbst dafür, dass ihre Forschungsergebnisse übertrieben und gehypt werden („Wer nicht auf den Busch klopft, bekommt keine Drittmittel“), b) übertriebene Presseinfos ziehen übertriebene Berichte nach sich, dagegen sachlich korrekte Presseinfos sachlich unaufgeregte Berichte, und c) beide, sowohl übertriebene wie sachlich korrekte Presseinfos haben die gleichen Chancen, von den Medien verbreitet zu werden;

2) Nicht die Wissenschafts-PR, wie im Vorjahr, stand im Fokus der Kritik, sondern die Wissenschaft und das Wissenschaftssystem selbst. Dysfunktionen der neuen Steuerung von Wissenschaft, falsche Drittmittelallokation, Hirschindex, Exzellenzhype, suboptimale Publikationspraktiken, unzuverlässige Befunde diskreditieren die Wissenschaft und ihr System, so etwa Uwe Schimank (Bremen) und Hannelore Daniel (München). Hier gilt es, auf ein Normalmaß zurückzurudern. Aber wie …? 
Jens Rehländers Schlusswort: „Große Offenheit, aber kein Silberstreif am Horizont“ stimme ich in Bezug auf Wissenschaft zu, nicht aber aber in Bezug auf die Wissenschaftskommunikation. Da melde ich Widerspruch an, denn …

3) … den Silberstreif am Horizont finde ich im Zusammenschluss einer Reihe von Kolleginnen und Kollegen der Wissenschafts-PR, die kürzlich den Entwurf von „Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR“ zur Diskussion vorgelegt haben. Diese Leitlinien verdienen es, intensiv diskutiert, verbreitet und schließlich befolgt zu werden. Der PR kommt in Zukunft eine deutlich größere Verantwortung zu.

4) Der Wissenschaftsjournalismus verschwindet zunehmend von der Bildfläche, je mehr Zeitungen fusionieren und Verlage Sparprogramme durchsetzen. Das bedauere ich ausdrücklich. Ein Ausbruch in Hannover dazu: Nachdem Katrin Zikannt (Süddeutsche Zeitung) leider auf der alten Leier elitärer Wissenschaftsjournalisten gespielt hatte, wonach Pressemitteilungen schlecht und überflüssig seien und man Informationen aus ganz anderen Quellen gewinne, machte Stefan Zorn (Medizinische Hochschule Hannover) seinem Namen alle Ehre: Sinngemäß sagte er: ‚Die wenigen vorhandenen Wissenschaftsjournalisten interessieren mich nicht mehr. Mir reicht es, wenn ich eine Presseinformation über den idw verteile und sehe, wie häufig sie von den Medien weiter verbreitet wird.‘ Wörtlich der weitere „Zornesausbruch“: „Die Wissenschaftsjournalisten bekommen wir nicht wieder. Aber ein Korrektiv haben wir: den Shitstorm der sozialen Medien“.

Mein Fazit für die Kolleginnen und Kollegen in der Wissenschafts-PR: Je mehr der Qualitätsjournalismus als Korrektiv der Wissenschaftskommunikation ausfällt, desto mehr mussen sie in Zukunft Verantwortung übernehmen, desto mehr Selbstbewusstsein gegenüber Rektoren, Präsidenten und Wissenschaftlern ist nötig. Aber das Selbstbewusstsein muss mit ebenso viel Selbstkritik gepaart sein und mit noch größerer Sorgfalt bei Verfassen eigener Presseinfos und sonstiger Erzeugnisse, die nun direkt das Publikum erreichen. Die Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR sind eine wichtige Handreichung dazu – sie kann man getrost auch allzu forschen Forschern (der politcal correctnes geschuldet: auch „-innen“) unter die Nase reiben.

*) Das Ambiente hatte Flair, der Wein war ausgezeichnet, die Speisen mundeten, so dass man gar nicht mehr wegwollte – also: „et in arcadia ego“

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Früher war mehr Öffentlichkeit …

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 Gedanken zur Informationspolitik bei der aktuellen Rektorwahl in Bochum

Gestern hat mich ein Freund zuhause besucht, er ist Professor an der Ruhr-Universität Bochum. Als ich ihn fragte, ob er auch am Montag zum Spektakel Rektorwahl geht, rieb er sich die Augen und schaute mich völlig verwundert an: „Jetzt Montag wird der neue Rektor gewählt? Davon weiß ich nichts. Wer steht nun zur Wahl an? Gab es eine Presseinformation?“, so seine Fragen.

Nicht nur der Termin war ihm also völlig unbekannt, er wusste auch nicht welche Personen sich der Wahl stellen. Nun kann man einwenden, dass er sich um die Informationen selbst hätte bemühen können. Hätte er …?! Ist das seine Aufgabe? Was erfährt heute, am Donnerstag, 9.7.2015, ein normales Mitglied der Universität über die Wahl seines zukünftigen Rektors, eine Wahl, die in genau vier Tagen, also am kommenden Montag, 13.7., stattfindet? Wohlgemerkt: ein normales Mitglied meint Personen aus den Gruppen Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Mitarbeiter in Technik und Verwaltung sowie Studierende, die keinen Zugang zum Flurfunk haben!

Blättert man in den Presseinformationen der letzten Wochen oder Monate: Fehlanzeige! Liest man die Unizeitschrift RUBENS: Fehlanzeige. Schaut man auf die Homepage der Universität, so findet man erst seit zwei Tagen einen Bereich mit einem Link: „Rektorwahl > Informationen zur Wahlversammlung“. Der Klick dahin führt einen zu einer Seite, auf der Aufgaben und Mitglieder der Wahlversammlung (neues Gremium im neuen Hochschulgesetz NRW) aufgeführt werden. Diese Seite ist erst am 7.7. erstellt worden. Dort unter Termine findet man endlich den Hinweis auf den „13.07.2015 Konstituierende Sitzung und Wahl eines Rektors / einer Rektorin“ und eine PDF-Datei mit dem Ablaufplan für die am Montag angesetzte Wahl.

Aus dürren Tagesordnungspunkten erfährt man da, dass sich der Wahlausschuss konstituieren, dass er sich erst eine Geschäftsordnung geben wird und dass sich im Anschluss zwei Kandidaten vorstellen werden. Um 13:30 h hat der „erste Kandidat“ 15 Minuten Zeit, die „Eigene Vorstellung zur Amtsführung“ vorzutragen und im Anschluss wird er darüber bis zu 30 Minuten befragt. Um 14:30 h hat dann der „zweite Kandidat“ seine 15 Minuten für die „Eigene Vorstellung zur Amtsführung“ und wird ebenfalls bis zu 30 Minuten befragt.

Mehr nicht? Doch: am 30.6. gab es im so genannten Aktuellportal der Uni eine Meldung mit noch geringerem Inhalt. Dort hieß es nur, dass am 13.7. ein neuer Rektor gewählt werden „soll“ und ganz unten unter der Zwischenüberschrift „Hintergrund“ die Erklärung: „Die Findungskommission für das Rektoramt … hat ein Ergebnis erzielt und schlägt der Hochschulwahlversammlung zwei geeignete Bewerber zur Wahl vor.“

Kein Wort darüber, welche Kandidaten zur Wahl stehen, keine Biografien der Kandidaten, keine Bilder der Kandidaten, keine schriftlich fixierten Vorstellungen der Kandidaten über Ihr jeweiliges Programm für das Rektoramt.

Ich weiß: In Deutschland ist sind Wahlen frei und geheim. Aber so viel Geheimnistuerei auf einmal? Ist das nötig? Dass man nichts über die Kandidaten und ihr Programm erfährt, so geheim sollte doch nicht sein.

Selbst auf die Gefahr als „Laudator temporis acti“ („Lobredner alter Zeiten“, Horaz) beschimpft zu werden, wage ich einen kleinen Blick zurück.

Früher war mehr Hochschulöffentlichkeit – Als z.B. 2006 die Wahl des Rektors anstand, wurde mit einer breit gestreuten Presseinformation am 9.5.2006 darüber informiert, dass am 1.6.2006 die Wahl sei, dass als Kandidaten die Professoren Gerhard Wagner und Elmar Weiler antreten, dass sie sich am 24.5. der Hochschulöffentlichkeit vorstellen und dass bereits ab dem 19.5.2006 ihre Vorstellungen über die Amtsführung im Internet veröffentlicht werden.

Es ist in meinen Augen schlicht ein Skandal, dass über eine die Zukunft meiner alten alma mater bestimmende Wahl so wenig bekannt wird, dass mit keinem Wort über die Kandidaten und ihre Vorstellungen informiert wird. Und mir ist es egal, ob das eine Direktive von ganz oben ist, also aus dem Senat, dem Hochschulrat, oder ob das Dezernat Hochschulkommunikation hier säumig ist. Fakt ist: Wer nicht am Flurfunk teilhat, ist von wesentlichen Informationen ausgeschlossen. Da muss man sich nicht wundern, wenn Journalisten das Interesse verlieren oder wenn es heißt, die Hochschulkommunikation beschränke sich neuerdings auf Marketing und Eigenlob.

Bei so viel Geheimniskrämerei fällt mir nur die Devise des englischen Hosenbandordens ein: „Honi soit qui mal y pense“? (Ein Schuft, wer Böses dabei denkt“)

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Von „Kinder-Unis“ und wie sich journalistische Rollen verwischen

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Neulich war ich wieder mal in Sachen Kinder-Unis unterwegs. Die Redaktion Wissenschaft und Bildung des Deutschlandfunks hatte mich für die Sendung „Campus & Karriere“ zu einem Streitgespräch mit der Tübinger Journalistin Ulla Steuernagel gebucht (gesendet am 16.5.2015). Ich sollte die „Gegnerposition“ einnehmen. Eine Rolle, die ich bereits ein Jahr zuvor auf der internationalen Kölner Kinderuni Tagung „Unterwegs zur besten Kinderuni“ gespielt hatte und in die mich damals Michael Seifert aus Tübingen gleichsam „gedrängt“ hatte. Na ja, „halb zog er mich, halb sank ich hin“.

Wenn ich das Streitgespräch mit Ulla Steuernagel erneut höre, kommt es mir so vor, als ob wir aneinander vorbeireden. Sie hat nur den Blick frei für die Erfolgsstory der Kinder-Unis und deren nicht erwiesene Rolle in der frühkindlichen Bildung. Mein Blick richtet sich daran vorbei auf die Aufgaben, Zielgruppen und Finanzen von Universitäten. Dabei leugne ich keineswegs, dass Kinder vom Besuch der Kinder-Unis fasziniert nach Hause zurückkehren und dass auch Professoren ihren Spaß an den Veranstaltungen haben. Doch darum geht es mir hier gar nicht.

Was mir an diesem Fall symptomatisch erscheint, ist die Vermischung von Rollen und Aufgaben zwischen Journalisten einerseits und den Mitarbeitern in Presse-, PR- und Marketingabteilungen von Hochschulen andererseits. Meine Bedenken entzünden sich daran, dass meine Gesprächspartnerin Ulla Steuernagel als Redakteurin beim Schwäbischen Tagblatt zusammen mit ihrem Kollegen Ulrich Janßen als „Miterfinderin der ersten deutschen Kinder-Uni in Tübingen“ gilt. Die beiden sind 2002 an Michael Seifert, damals Pressesprecher der Universität, mit der Idee herangetreten, eine ‚Universität für Kinder‘ zu veranstalten. Seifert hat diese Idee dankbar aufgegriffen, und so haben die drei den ersten Stein ins Wasser geworfen. Seitdem schwappen die Wellen der Kinder-Unis ohne Unterlass über: Inzwischen gibt es allein in Deutschland mehr als 70 Universitäts- bzw. Hochschulstandorte, die regelmäßig Kinder-Unis veranstalten. Michael Seifert hat zuletzt sogar ein EU-Projekt zu Kinder-Unis koordiniert und geleitet.

Eine Erfolgsstory – doch nicht nur für die Kinder-Unis, sondern erst recht für die „Miterfinderin“ Steuernagel. Sie hat der Universität Tübingen eine ‚Milchkuh‘ aufgeschwatzt, deren bundes- wie europaweiten Erfolg sie für eigene Berichte und Bücher seitdem kräftig ‚melkt‘. Davon zeugen inzwischen drei „Kinder-Uni-Bände“, allesamt „Bestseller“, die „mehrfach ausgezeichnet“ und „mittlerweile in 17 Sprachen übersetzt“ wurden. Das sei ihr gern gegönnt!

Was mir dabei sauer aufstößt: Den Journalisten ist es prinzipiell egal, dass sie Themen erfinden, über die sie im Anschluss berichten (möchten) – und natürlich sind leuchtende Kinderaugen ein willkommener Anlass für bunt-bebilderte Zeitungsseiten, die sich gut verkaufen lassen. Den Universitäten ist es dabei nur recht, dass Medien ihnen Marketingideen ‚verkaufen‘, die diese kontinuierlich für eigene Zwecke ausweiden. Hauptsache, die Unis erfreuen sich daran, das Audimax oder andere Hörsäle mit Grundschul- und anderen Kindern sowie ihren Lehrerinnen und/oder Eltern gefüllt zu sehen – und noch mehr darüber, den Anlass zu geben, dass regionale Medien in großer Aufmachung über sie berichten. Dabei kümmert es sie auch nicht, dass Kinder zwischen sechs und zwölf weder zur eigenen Zielgruppe gehören, noch dass es nicht die Aufgabe von hoch bezahlten Professoren sein kann, Kinder zu belustigen. Dass schließlich arg unterfinanzierte Universitäten ihre knappen Grundmittel für fremde Zwecke einsetzen, sei nur am Rande vermerkt, denn mit Forschung und echter Lehre haben Kinder-Unis nun wirklich nichts zu tun.

Die Kinder-Unis sind für mich aber nur ein Symptom für die zunehmende Verwischung von Rollen zwischen Journalismus, Public Relations und Marketing. Lokalredakteure versammeln allenthalben Chefärzte auf Podien und am Telefon ihrer Redaktionen, laden Leser zu Fragen ein und schaffen auf diese Weise Anlässe für Berichte und jene „Service“-Seiten, die mehr und mehr saisonal passend die Printmedien bevölkern. Spiegel, ZEIT und andere große Blätter machten es schon vor Jahren vor, indem sie ihre Herausgeber, Chefredakteure, Ressortleiter in Veranstaltungen mit Professoren, Politikern, Wirtschaftsmagnaten etc. einbanden und darüber in großer Aufmachung berichteten.

Für beide Seiten ist das – neuhochdeutsch gesprochen – eine echte „win-win-Situation“. Medien, Universitäten, Krankenhäuser und viele andere mehr profitieren gleichermaßen und gleichzeitig von solcher Zusammenarbeit; und sie profilieren sich in fremden Aufgaben, oder soll ich sagen: wildern in fremden Revieren? Der Trend ist nicht brandneu und kaum zu übersehen: Zuschauer und Zuhörer sind längst „Mitgestalter“ von Sendungen und in diese eingebunden – die wohl billigste Form, Radio und Fernsehen zu machen und dabei sich nicht nicht darum zu kümmern, ob die Programqualität darunter leidet.

Wenn also zunehmend Journalisten Entlassungen und den Niedergang ihrer eigenen Zunft beklagen, wenn sie sich weiterhin gezwungen sehen, offen oder verdeckt für PR-Abteilungen zu schreiben, wenn manche Wissenschaftsjournalisten sich mehr um die Qualität von Pressemitteilungen als die eigenen Texte sorgen und wenn umgekehrt Pressesprechern in den Medien die Ansprechpartner abhanden kommen, könnten sich die Beteiligten vielleicht mal fragen: Beschleunigt der Journalismus seinen Fall oder hinterlässt er eine Bremsspur, wenn er bei dieser Zusammenarbeit die Rollen verwischt und dabei seine ursprünglichsten und vornehmsten Aufgaben hintergeht: Kritisch zu berichten und zu kommentieren, was in der Welt geschieht?

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Über das Erscheinungsbild der Ruhr-Universität Bochum

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Warum mein Blog mit diesem Beitrag startet

Zum ihrem 50jährigen Jubiläum 2015 gibt die Ruhr-Universität Bochum (RUB) in der ersten Juniwoche den Band „Blaues Wunder“ heraus. Er enthält 50 Beiträge von Autoren mit ihrem „persönlichen Bild eines jeweils besonderen Aspekts der Entwicklung und der Gegenwart unserer Alma Mater“ (http://www.ruhr-uni-bochum.de/rub50/publikationen-blaues-wunder.html). Auch mein Beitrag – eine Hommage an die RUB – sollte dort erscheinen.

Im Oktober 2014 bat mich der Herausgeber des Jubiläumsbandes, für diesen Band einen Text zur Entwicklung des Corporate Design der RUB zu verfassen. Seine einzige Vorgabe war „7 Seiten“. Mitte Dezember habe ich meinen Text mit dem guten Gefühl abgeliefert, einen „runden Text“ geschrieben zu haben. Ich hatte mir viel Mühe gegeben, ihn mehrfach überarbeitet und Tipps von Freunden und Kennern eingearbeitet.

Anfang Februar 2015 bekam ich ihn vom Herausgeber erheblich „überarbeitet“ zurück. Insbesondere meine Erklärung, aus welchem hochschulpolitischen Verständnis im Logo der RUB das „B“ mager gedruckt wird, glaubte der Herausgeber aus Rücksicht gegenüber Stadtspitze Bochums streichen zu müssen. Ich hätte gern meinen Beitrag im „Blauen Wunder“ gesehen. Aber ich war nicht bereit, meine Formulierungen auf dem „Altar der political correctnes“ zu opfern. Der Text erscheint also dort nicht, vielleicht auch deshalb, weil ich mir „zuviel subjektive Sicht“ erlaubt habe, die doch angeblich den „Reiz dieser Sammlung“ ausmachen soll.

Da ich weiterhin von der Qualität meines Aufsatzes überzeugt bin, veröffentliche ich ihn hier. Ich verstehe ihn weiterhin als einen kritischen Glückwunsch zum 50.! Der Text ist vielleicht zu lang für einen Blogeintrag – wer ihn daher nicht am Rechner lesen will, kann sich die PDF-Datei hier herunterladen.

 

Eine Quadratur des Kreises
Splittergedanken über das Erscheinungsbild der Ruhr-Universität Bochum

Seit die Welt keine Scheibe mehr ist, geht ein Würfel auf Reisen … Will man diesen zunächst absurd anmutenden Gedanken nachvollziehen, sollte man sich die Entwicklung des Corporate Designs der Ruhr-Universität Bochum (RUB) als Quadratur des Kreises vorstellen, mehr noch – als Transformation in eine andere Dimension.

Häufig saß ich in den 23 Jahren als Pressesprecher der RUB im Senat, verfolgte die Debatten und hatte die schwere Holzscheibe mit den beiden antiken Figuren Prometheus und Epimetheus vor Augen. Sie hing oberhalb der Sitze von Rektor, Kanzler und Senatsvorsitzendem. Hin und wieder habe ich mich gefragt, ob sie mal herunter krachen, mit großem Knall und Getöse auseinander zersplittern und die Personen unter ihr begraben wird. Nein, ich versichere, dass ich das niemandem wirklich gewünscht habe, und glücklicherweise ist das auch nie geschehen. Inzwischen ist das gute Stück abgehängt und fristet sein Dasein in einem Abstellraum der Verwaltung. Die Scheibe hat ausgedient, ebenso ausgedient haben die beiden mythischen Figuren als Logo der RUB, und durch sie gefährdet ist im Senatssaal niemand mehr.

Als ich 1990 Pressesprecher wurde, besaß die RUB kein Corporate Design, erst recht kein verbindliches mit entsprechenden Vorschriften für Schriften, Farben oder Formate – und eine Corporate Identity sowieso nicht. Zwar schrieben Verwaltung und Professoren Briefe und ließen sonstige Schrifterzeugnisse herstellen. Daneben gab es aber einen Wildwuchs an hektographierten oder sonstigen Druckerzeugnissen, die als gemeinsame Klammer – wenn überhaupt – nur das Dienstsiegel der RUB aufwiesen. Von diesem wird noch die Rede sein. PCs gab es in der Verwaltung ebenso wenig wie einen Auftritt der RUB im Internet (Mosaic, der erste Browser, kam 1993 heraus).

Dass es kein CD gab, war vor 1990 nicht so schlimm. Zu jener Zeit sprach in der Wissenschaftswelt kein Mensch von Corporate Identity oder Corporate Design. Das waren Fremdworte, die allmählich erst in die Public Relations Eingang fanden. Universitäten galten noch als „organisierte Anarchien“, so eine liebevolle Umschreibung des damaligen RUB-Kanzlers Dr. Bernhard Wiebel – ein Bonmot, das noch in den späten 90er Jahren galt.

Es gab zwar schon Öffentlichkeitsarbeit, etwa seit den 50ern, aber sie war erschöpfend ausgedrückt im Satz von Albert Oeckel: „Tue Gutes und sprich darüber“. So begnügte sich die RUB-Pressestelle damit, immerhin seit 1965 und als die erste einer deutschen Universität mit professionellem Sprecher, mehrmals in der Woche Pressemitteilungen per Brief zu versenden, die frühestens drei Tage später in den Tageszeitungen als Nachricht erscheinen konnten; in unregelmäßiger Folge gab sie die Zeitschrift RUBaktuell heraus, ebenso RUBextra, das Veranstaltungsblatt; zudem aktualisierte sie alle Jubeljahre den Uniprospekt und gab jährlich den Jahresbericht des Rektorats in Druck. Die Pressestelle war schwach ausgestattet, für die damalige Zeit so eben arbeitsfähig.

Gedanken über das eigene Erscheinungsbild machte man sich höchstens bei besonderen Gelegenheiten. Eine solche ergab sich 1990. Da wurde die RUB 25 Jahre alt und das Jubiläum galt es, ein ganzes Jahr zu feiern. So beauftragen Pressestelle und Jubiläumskommission eine Agentur, das Siegel in die 25 zu integrieren und neue Schrifterzeugnisse zu entwerfen, darunter Bücher, Plakate, Programmheft, etc. Das alles sollte aber nur für dieses Jahr gelten, 1991 alles wieder zum Alten zurückkehren.

Für diesen Zweck ist erstmals das Dienstsiegel „angefasst“ worden. Prometheus und Epimetheus, die beiden Figuren des Siegels, wurden aus dem Kreis herausgenommen und in die untere Rundung der Fünf der 25 platziert. Die Darstellung der beiden Figuren im Siegel wurde stilisiert und vereinfacht – sie erschienen kräftiger, aber noch nicht wie „Bodybuilder“, wie bei unseren nicht veröffentlichten Versuchen Jahre später. Und es wurde erstmals eine einheitlich zu verwendende Schrift für die Druckerzeugnisse ausgewählt: Walbaum – eine typische Buchschrift.

Zu dieser Zeit, 1989, hatten wir in der Pressestelle ein Projekt beim Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBW) eingereicht, das Mitte 1990 für zwei Jahre genehmigt wurde und deutschlandweit das erste werden sollte, das sich mit „Wissenschaftsmarketing“ beschäftigt. Dieses Projekt war so erfolgreich, dass das Rektorat die Fortsetzung ab 1992 für zwei weitere Jahre aus eigenen Mitteln finanzierte. Es hat unsere zukünftige Arbeit am CD beeinflusst. Doch 1991 war alles wieder beim Alten – nur dass ich im Oktober 1990 die Leitung der Pressestelle übernommen hatte.

Die ersten Schritte in Richtung einheitliches Corporate Design sind wir 1994 gegangen. Prof. Dr. Manfred Bormann war gerade neuer Rektor, und vor seiner Wahl hatten wir verabredet, dass wir zu Beginn seiner Amtszeit mit einer neuen, zeitgemäßen Zeitschrift die arg in die Jahre gekommene „RUBaktuell“ ablösen. „RUBENS“ erschien erstmals im Oktober 1994 – von uns in enger Zusammenarbeit mit der noch jungen Agentur „Kremer Corporate Advertising“ entworfen. Wir übernahmen dafür die für das 25jährige Jubiläum verwendete Schriftfamilie „Walbaum“ und gesellten ihr zur Seite eine Schmuckschrift für Titelei und Zwischenüberschriften, die damals vor allem bei jungen Menschen beliebte „Lithos“. RUBENS wurde bewusst im „Berliner Zeitungsformat“ gedruckt, eine Hommage an die zu früh eingestellte, epochemachende Zeitschrift „Die Woche“.

RUBENS war das erste Erzeugnis im neu entstehenden CD der RUB. Die Zeitschrift sollte sehr bald zahlreichen anderen Universitätszeitschriften bei Layout, Form und Sprachstil Vorbild sein. Die erste kritische oder eher befremdliche Reaktion aber erreichte uns von einem RUB-Professor, der anrief und meinte: „Die Zeitung ist nichts – ich kann sie nicht abheften …“

Nach dem Erfolg von RUBENS setzten wir den eingeschlagenen Weg fort und machten uns an ein CD. Wir konzipierten mit Jürgen Kremer Briefpapier, Kurzmitteilungen, Blöcke, neue Prospekte, usw. Ein 25seitiges CD-Manual verbreiteten wir komplett unter allen Beschäftigten. Zuvor galt es aber, manchen Gedanken zu wälzen.

Zwei Besonderheiten fielen auf: Der Name „Ruhr-Universität Bochum“ und ein Siegel mit Figuren aus der altgriechischen Mythologie.

Es gibt keine andere Universität in Deutschland mit dem Namen eines Flusses. Vor der Gründung sprach man von einer „Universität für das Revier“ bzw. einer „Revier-Universität“. Die Landesregierung aber sprach von der „Ruhr-Universität“, noch ohne den Zusatz „Bochum“, weil die Standortfrage zwischen Bochum und Dortmund strittig war. Der Beschluss des Landtags lautete schließlich auf „Ruhr-Universität Bochum“.

Merkwürdiger noch ist, dass die erste neue Universität im Nachkriegsdeutschland die ältesten Gestalten in ihrem Dienstsiegel führen sollte, die je eine Universität gewählt hat. Heidelberg, Köln, Freiburg, München, Tübingen, Greifswald usw. – wohin man schaut, Siegel mit Marien- und Heiligendarstellungen, Kirchengebäuden, Fürstenkonterfeis … alles historisch gewachsene Zeichen kirchlicher, fürstlicher oder landesherrlicher Macht.

Was haben also die beiden mythischen Gestalten aus griechischer Vorzeit, mehr als 1.200 Jahren vor Christi Geburt, im Ruhrgebiet verloren? Warum wählt eine 1965 inmitten einer Arbeitergegend entstehende Universität, geprägt von überwiegend jungen Wissenschaftlern, die in dieser bildungsfernen Gegend ihre erste Professur antreten, mehr als 3.000 Jahre später Prometheus und Epimetheus zu Leitfiguren?

Als das ungleiche Brüderpaar seinen Dienst 1965 in der neu gegründeten RUB antritt, geschieht es auf Vorschlag des Historikers Rudolf Vierhaus. Nach Beratung mit verschiedenen Experten kommt sein Vorschlag überraschend. Man habe keine überzeugende Zeichnung aus „Buch“ (im Bochumer Stadtwappen) und „Förderturm“ (Ruhrgebiet) entwerfen können, heißt es; außerdem wolle man sich nicht der Provinzialität schuldig machen. So unterbreitet Vierhaus dem Gründungsausschuss die Zeichnung der beiden Griechen, gestaltet von der Aachener Künstlerin Hildegard Domitzlaff; sie wird ohne weitere Diskussion angenommen. Was zunächst nur für die Plakette an der Amtskette des Rektors gedacht ist, wird wenig später von der Landesregierung als Dienstsiegel der RUB genehmigt.

Zwei mythologische Figuren verrichteten seitdem ihren Dienst. Mythen sind bekanntlich aber vieldeutig; sie bedürfen der Interpretation. Missverständnissen beugt man daher vor mit einer offiziellen Deutung:

„Im Siegel der Ruhr-Universität ist das Brüderpaar Prometheus und Epimetheus abgebildet. In der griechischen Mythologie ist Prometheus der listige Tatmensch, der den Göttern das Feuer raubt (Fackel in der Hand) und als Strafe für den Frevel an einen Felsen im Kaukasus geschmiedet wird. Epimetheus ist demgegenüber der nachdenkliche Zauderer, der sich in Texte vertieft (Schriftrolle in der Hand). Das Brüderpaar aus dem antiken Mythos als Symbolfiguren für eine moderne Universität zu wählen, bedeutet die alten Strebensziele für die neuen Wissenschaften zu übernehmen. Prometheus, der Vorausdenkende, steht eher für die entdeckenden Natur- und Ingenieurwissenschaften, Epimetheus, der Nachdenkliche, für die textauslegenden Geisteswissenschaften. Die moderne Wissenschaft trachtet danach, das Prometheische mit dem Epimetheischen zu verbinden. Das Emblem macht auch sichtbar, dass die Ruhr-Universität Bochum zu den Hochschulen gehört, in denen alle Wissenschaften miteinander im Gespräch sind.“

Soweit die offizielle Version. Dass gerade Geisteswissenschaftler ihr Leid mit Epimetheus als geistigem Leitbild klagen, ist seiner Rolle in der griechischen Mythologie geschuldet. Epimetheus als „Nachdenker“? Nur schwer vorstellbar. Eher schon als „tumber Tor“, so der Jurist und Philosoph Klaus F. Röhl[1]. Er verweist auf die von Hesiod, Homer, Platon u.a. überlieferten Taten von Epimetheus. Dieser sei nicht der Nachdenkliche, sondern der „zu spät Denkende“, einer, „der erst handelt, und danach, wenn die Sache schief gegangen ist, die schlimmen Folgen seines Handelns beklagt“. Im Gegensatz zu Prometheus, der den Göttern das Licht geraubt und es den Menschen gebracht habe, stehe Epimetheus als derjenige da, der gegen die Warnungen seines Bruders die Büchse der Pandora öffnete und somit alle Übel in die Welt herausgelassen habe. Nochmals Röhl: „Am Kern der Überlieferung gibt es deshalb keinen Zweifel. Während Prometheus der Vordenker ist, der Klugheit und Intelligenz, Erfindungsgabe und List verkörpert, ist Epimetheus der ‚Bruder Nachbedacht‘. Er steht für Unüberlegtheit, Kurzsichtigkeit und Unverstand.“

Kein Wunder, dass Geisteswissenschaftler Epimetheus die Anerkennung versagten. Der frühere Bochumer Gräzist Helmuth Flashar schlug in einem Brief an Röhl vor, Epimetheus durch Hermes zu ersetzen, „der ja auch für die ‚Hermeneutik‘ und damit das Verstehen in den Geisteswissenschaften stehe“. Ein anderer Vorschlag, so Röhl, wollte Epimetheus durch Athene ersetzt sehen.

Epimetheus in Schutz nimmt später der Germanist und Literaturdidaktiker Prof. Harro Müller-Michaels. Mit Verweis auf Herder sieht er „Prometheus für die Selbstzerstörung der Welt durch den Menschen“ verantwortlich. So beruhe auf Epimetheus die „Hoffnung auf Besseres als das technisch Machbare“. Nach Klaus Röhl entbehrt diese Sicht nicht einer gewissen Ironie: „wie der Sinn von Texten und Symbolen durch fleißige Interpretation in sein Gegenteil verkehrt wird.“

Ein schillerndes Brüderpaar! Als wir aber Mitte der 90er darangingen, ein CD für die RUB zu konzipieren, war die Kritik am Siegel eher unterschwellig, kein offensichtliches Thema. Sie schwirrte zwar in unseren Köpfen, einige klassisch geschulte Philologen und Historiker witzelten. Die meisten hatten aber mit den beiden Griechen Frieden geschlossen oder nahmen sie als gegeben hin. Sie dachten sowieso: Corporate Design? Was geht mich dieses neumodische Zeug an? Andere Sorgen beschäftigen sie, etwa die seit 1986 zunehmenden Etatkürzungen des Landes, ebenso die inflexible Struktur der Universität, die gelähmt schien, weil die Stellen für den Nachwuchs nach den vielen Einklagungen blockiert waren. In der Folge engte das Land den finanziellen Spielraum der RUB weiter ein, dass man den Eindruck gewinnen musste, sie werde als „Steinbruch“ genutzt, und ihre Steine, sprich freiwerdenden Mittel, dienten dem Aufbau der an nahezu jedem Kirchturm neu entstehenden Fachhochschulen im Land.

Die Verwaltung zeigte nur wenig Interesse an Öffentlichkeitsarbeit, erst recht nicht an einem CD. Auch für sie war das ein Fremdwort. Die Pressestelle galt damals in der Verwaltung zudem als „Fremdkörper“. Das Gefühl, Exoten zu sein, gab uns Freiheit. Wir hatten nicht viel finanziellen Spielraum, aber um so mehr Entscheidungsspielraum. Wir nahmen das Siegel als gegeben hin und verstanden es als Logo. Uns war außerdem die Vorstellung völlig fremd, die RUB sei eine „altehrwürdige alma mater“, etwa Heidelberg, Tübingen oder Freiburg vergleichbar und sollte diesen nacheifern. Im Sinn hatte ich noch die Worte eines Philosophiedozenten aus dem Studium in den 70ern: „wir sind hier in einer jungen Universität, hier gibt es keine Spektabilitäten und Magnifizenzen.“

Wir setzten also das Spiel fort: Enthielt schon RUBENS selbstironische Momente, so nutzten wir sie erst Recht beim Siegel/Logo. Wir fingen an, mit dem Siegel zu spielen, es nach rechts oder links zu kippen, blau oder gar in den Farben des Regenbogens herzustellen, es blass oder halb verdeckt zu drucken, etc. In dieses Spiel traten andere später mutig ein, etwa die Juristen, die Justitia an Stelle der beiden Griechen platzierten, die Genderstudies, die Epimetheus durch eine mythologische Frauenfigur ersetzten. Und das in den späten 90ern gegründete Careercenter veranstaltete mit dem Akademischen Auslandsamt eine „Auslandsmesse“, überarbeitete das Logo so, also ob Prometheus aus dem Siegel ausbricht und in die Welt hinaus strebt. Schließlich zierte meinen Aprilscherz von 2000 über die „Fusion von RUB und Universität Dortmund“ zur „BoDo-Universität“ ein Logo mit Pandora anstelle von Epimetheus – gleichsam der Debatte um Geschlechtergerechtigkeit geschuldet.

Natürlich war das Siegel nicht das einzige Element des neuen CD. Dazu kamen die Schriften Walbaum und Lithos, der Schriftzug „Ruhr-Universität Bochum“ als Wortmarke und die als HKS 42 präzisierte Farbe Blau. Es entstand neues Briefpapier, das Rechenzentrum stellte Masken für Briefe her, ein Rahmenvertrag mit einer Druckerei erleichterte die Bestellung von Visitenkarten im neuen CD, wir brachten neue Prospekte und weitere Druckerzeugnisse heraus.

Trotz aller Mühen ließ sich dieses CD in der RUB nur recht unvollkommen umsetzen. Lag es an uns, die wir noch kaum Erfahrung mit der Durchführung solcher Maßnahmen hatten? Oder lag das am Widerstand der Fakultäten und Verwaltung? Uns erreichten Briefe von Professoren, mit Aussagen wie, „ich benötige das neue Briefpapier nicht, weil ich nur noch wenige Jahre im Dienst bin und mit den vorhandenen 100 oder 200 Blatt auskommen werde“. Viele ignorierten schlicht die Neuerungen. Selbst die Verwaltung und das Rektorat blieben – sparsam – beim alten Briefpapier. Und unser Vorschlag, nur noch Kugelschreiber, Bleistifte, Radiergummis mit neuer Wortmarke zu verteilen, trieb dem Beschaffungsdezernenten Angstschweiß auf die Stirn: „Da werden alle die Kugelschreiber dauernd verschenken – was das nur kostet …?“, war seine Reaktion. Dass genau diese Maßnahme die billigste Form gewesen wäre, für das CD und die Uni zu werben, dieser Gedanke war undenkbar.

Bei aller heutigen Kritik am damaligen Denken, darf nicht vergessen werden: Mitte/Ende der 90er war eine Zeit, in der häufig Professoren sich weder ihrer Fakultät, noch der Universität verpflichtet fühlen. Es gab ein Sammelsurium wilder, nicht kodifizierter Lehrstuhlbezeichnungen ohne jeglichen Bezug zu Fakultät und Universität. Für uns war danach klar, dass man letztlich kein CD erfolgreich umsetzen kann, wenn nicht eine gemeinsame Corporate Identity dahinter steht. Ein Leitbild für die RUB festzuschreiben oder gar den Prozess dazu in Gang zu setzen, dazu waren weder das Rektorat noch die Verwaltung willig. Anderswo gab es bereits solche Prozesse, etwa an der ETH Zürich, der RWTH Aachen, etc. Aber es war damals auch nicht Stil der RUB, etwas top down umzusetzen, selbst man wenn die Maßnahme als richtig erkannt hatte.

Daher erreichte auch nicht das für die Homepage umgesetzte CD die von uns erhoffte Tiefe. Zentral gelang der Auftritt, weil wir dafür zuständig waren, aber nur partiell in den Fakultäten und Lehrstühlen. Dort fehlte die Bereitschaft, sich einem CD unterzuordnen. Es herrschte Wildwuchs auf Homepages. Fand man kein Gefallen am CD oder verwirklichten die studentischen Hilfskräfte, für Homepages von Fakultäten und Lehrstühlen zumeist verantwortlich, ihre eigene Kreativität? Es war aber, das gilt zu bedenken, eine Zeit des Umbruchs – vom Diplom zum Bachelor/Master-System.

So dümpelte unser CD aus den 90ern mehr schlecht als recht bis Mitte der 2000 Jahre dahin – und verlor an Durchschlagskraft. Zuletzt war es nicht mehr zeitgemäß; es „roch nach den 90ern“. Neue, kräftigere Logos wie des Akademischen Förderungswerks entstanden. Sah man auf Bauschilder auf dem Campus, fiel das feingezeichnete Siegel-Logo der RUB nicht weiter auf; was wir erkannten und ändern wollten. Und dem Spielerischen ging die Puste aus.

Wir plädierten zwar schon seit etwa 2003 für die Überarbeitung bzw. einen Neuanfang, auch für einen echten Diskussionsprozess „Corporate Identity“, fanden aber kein Gehör in Verwaltung und Rektorat. Selbst die „Marketing-Initiative“ von Vizekanzler Enno Kruse verpuffte ohne Wirkung.

So begannen wir zu experimentieren, nutzten anderen Schriften und Formate, kamen mit einer neuen Agentur ins Gespräch (Oktober Kommunikationsdesign GmbH, Bochum), verwirklichten mit ihr z.B. 2005 die Broschüre „40 Jahre – 40 Menschen“, die allgemeines Gefallen fand und später mit dem „PR-Fuchs“ des Bundesverbandes Hochschulkommunikation prämiert wurde.

Der eigentliche Umbruch erfolgte aber 2007, und er hatte einen schillernden Namen: „Die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder“. Dieser Umbruch ist zudem in der RUB mit der Person Elmar Weiler verbunden, ab 2006 neuer RUB-Rektor. Er installierte eine kleine „Marketinggruppe“ und band sie eng an sich selbst. Weiler war der erste Rektor, dem es klar war, dass ein neues CD mit einer Corporate Identity einherzugehen habe, die das CD auszudrückt. Er brachte sich selbst in den Prozess ein, trieb ihn energisch auch voran und formulierte selbst die Corporate Identity der RUB, anstatt sie einem zufälligen und unsicheren Diskussionsprozess zu überlassen. Die heutige Trias „Menschlich – Leistungsstark – Weltoffen“ ist sein Werk.

Mit dem großen Wissenschaftswettbewerb um Reputation und Milliarden spielte plötzlich Geld in der RUB keine Rolle. Es wurde auch für ein neues CD frei. Sechs Agenturen stellten ihre Entwürfe einer Kommission aus vollständigem Rektorat und Marketinggruppe vor; die Entscheidung fiel zugunsten des Entwurfs von Oktober GmbH, Bochum. Rektor Weiler ließ es sich nicht nehmen, selbst das CD auf der Akademischen Jahresfeier 2009 vorzustellen. Logo, Logolabel, ein CD-Manual, Formulare bzw. Vorlagen für Briefe, Prospekte, Broschüren, Plakate, Poster, usw. das alles fand sich auf einem USB-Stick wieder; er wurde mit Paketen von 500 Blatt vorgefertigtem Briefpapier an die Lehrstühle großzügig verteilt. Zwei Bildsprachen je für „Menschen“ und „Architektur“ wurden definiert, freie Fotografen beauftragt. Gleichzeitig entwarf eine interne Arbeitsgruppe das CD für den Webauftritt, den Rektor Weiler auch vorantrieb und entschied. Plötzlich ging alles schnell: Templates mussten für die Umsetzung her, und mit enormem Kraftaufwand unter Zeitdruck wurde der Internetauftritt noch vor dem Besuch der Gutachter der „Exzellenzinitiative“ freigeschaltet. Seitdem besitzt die RUB ein allgemein anerkanntes Corporate Design und eine verbriefte Corporate Identity.

Als zentrales Element des neuen CDs hat sich inzwischen das blaue Quadrat mit den Buchstaben RUB durchgesetzt: „RU“ im Fettdruck, „B“ im Magerdruck. Hintergrund bot auch die neue Kooperation der drei Universitäten im Revier unter dem Label „UAMR“ und die damals damit verbundene Vision, sie könne sich irgendwann zu einer „Ruhr-Universität“ entwickeln … Die Intention dahinter hat Bochums Alt-OB Ernst-Otto Stüber sofort erkannt. Noch auf derselben Akademischen Jahresfeier sagte er mir: „Ich kann es gut verstehen, aber eine kleine Gemeinheit gegenüber der Stadt Bochum ist das Logo schon“. Mag er damals vielleicht richtig gelegen haben, so konnte er da noch nicht ahnen, dass nur wenige Jahre später die RUB ihren Fokus überaus deutlich auf die Stadt Bochum schwenken würde.

Viel Kritik haben also die beiden alten Griechen in der RUB einstecken müssen und sind schließlich 2009 nach verdienstvollen 34 Jahren von vielen dennoch mit Bedauern aus dem Dienst der RUB entlassen worden. Nicht ganz, denn als Siegel, für das sie eigentlich gedacht waren, sind sie weiter tätig. Sie schmücken heute offizielle Dokumente wie etwa die Zeugnisse und Urkunden der Absolventen.

Der RUB-Würfel aber hat sichtbar inzwischen nicht nur am „Blue Square“ die Stadt Bochum erobert, er ist zudem seit 2013 auf Reisen – über alle Kontinente und zu Besuch bei Absolventen aus aller Herren Länder. Die Scheibe mutierte zum Würfel: Quadratur des Kreises und darüber hinaus in eine höhere Dimension.


[1] Klaus F. Röhl, „Das Siegel der Ruhr-Universität oder Der Geisteswissenschaftler als Antityp“ in: „Strafrecht zwischen System und Delos. Festschrift für Rolf Dietrich Herzberg zum siebzigsten Geburtstag am 14. Februar 2008“, Tübingen 2008.

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