Wissenschaft braucht das Grundvertrauen von Laien

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Der Kölner Philosoph Thomas Grundmann beendet seinen bemerkenswerten Beitrag „Der Weg der Wahrheitsfindung“ mit dem Satz: „Der Erfolg der modernen Wissensgesellschaft beruht essenziell auf Asymmetrien der Glaubwürdigkeit.“ Er folgert daraus, dass das „Vertrauen in Experten und Autoritäten … geschützt und gestärkt werden“ müsse.

Fast reflexartig meldet sich auf den Beitrag der Wissenschafts-PR-Experte Jens Rehländer in seinem Blog mit der reißerischen Überschrift: „Wissenschaftler findet: Wissenschaft braucht keine Öffentlichkeit“. Für ihn enthalten Grundmanns Thesen „starken Tobak“.

Wer hat nun Recht? Grundmann oder Rehländer – oder womöglich beide? Was behauptet denn Grundmann so Schlimmes, das Rehländer zu dieser Reaktion veranlasst?

Nicht jede Meinung zählt gleich

Grundmanns Text ist typisch für Philosophen: Er spitzt seine Beobachtungen auf eine Grundthese zu: „Die moderne Wissensgesellschaft ist durch starke Asymmetrien der Glaubwürdigkeit gekennzeichnet. Nicht jede Meinung zählt gleich viel, und Laien sollten den Experten zumindest fachlich folgen. Die Spielregeln der Wissensgesellschaft unterscheiden sich damit radikal von den Spielregeln der modernen Demokratie, in der jede Stimme gleich viel zählt, Politik dem Wähler verständlich sein muss und allein die Mehrheit entscheidet.“

Auch ich bin Laie

Das klingt plausibel. Ich mache das an mir fest: Ich arbeite seit 30 Jahren in der Wissenschaftskommunikation, lese täglich Berichte aus vielen Wissensgebieten. Als Sprecher der Ruhr-Universität Bochum habe ich 23 Jahre von mehr als 400 Lehrstühlen in 20 Fakultäten – von der Archäologie bis zur Zoologie – ständig Neues erfahren, ein wirklich spannender Job! Diese Texte stammten von Wissenschaftlern, die in der Regel fünf bis sechs Jahre studiert, zwei bis vier Jahre für die Dissertation geforscht, weitere fünf oder gar acht Jahre an seiner Habilitation gearbeitet und seitdem mehrere Projekte durchgeführt haben. Während die Wissenschaftler also sehr tief in ihre Arbeitsgebiete gedrungen sind, kratze ich gerade mal zaghaft an der Oberfläche des jeweiligen Fachs. Selbst wenn ich die Inhalte zumeist nachvollziehen konnte, wurde ich dadurch zu keinem Experten – das bin ich allenfalls in der Wissenschaftskommunikation. Wem gebührt also mehr Vertrauen: Mir als Laien oder den Wissenschaftlern?

Nun kann man mir sagen: Du hast doch auch sechs Jahre studiert, drei Jahre an der Promotion gesessen, usw. Meine Antwort: Aber nur in einem Fach und das vor inzwischen 35 Jahren. In dieser Zeit ist selbst mein eigenes Fach mir so enteilt, dass ich neuere Erkenntnis schwerlich beurteilen kann. So erging es mir kürzlich, als ich mich mit einem aktuellen Text zur Metaphysik befasste – so fern ist mir das Fach inzwischen. Um so weniger kann ich Fächer kommentieren, die ich noch nicht einmal studiert habe. Ich kann mir doch höchstens über die Plausibilität der Aussagen kritische Gedanken machen, falls ich sie verstehe.

Wissenschaftsjournalisten sind keine Wissenschaftler

Nun gibt es die ausgewiesenen Wissenschaftsjournalisten. Ihrem Urteil könnte man mehr Zutrauen entgegenbringen. Aber wirklich mehr als dem des Wissenschaftlers selbst? Nehmen wir jemanden in der Redaktion der FAZ oder SZ oder der ZEIT. Sie mögen Biologie, Physik, Chemie, Archäologie, Geologie oder was auch immer studiert haben. Aber seit fünf, zehn oder gar 15 und mehr Jahren machen sie Zeitung! Sie lesen zwar Nature, Science, PNAS, und andere wichtige Zeitschriften und sind vielleicht am „Puls der Wissenschaft“ – aber doch nicht mitten drin im Herzen oder gar im Kopf. Außerdem müssen sie über weit mehr als nur ihr früheres Fach schreiben, deshalb sind sie keine Experten, nicht vergleichbar dem Wissenschaftler, der unmittelbar die Untersuchung durchführt. Und die Journalisten sind nicht mehr in den tiefen Verzweigungen und Niederungen ihrer „früheren Fächer“ unterwegs, sie kommen allein schon aus Zeitgründen nur wenig tiefer als als der Oberfläche. Sie haben andere Rollen, sie sind Chronisten, Übersetzer, Erklärer und absolut notwendige kritische Beobachter und Kommentatoren der Wissenschaft und können Widersprüche zwischen Wissenschaftlern finden und benennen. Deshalb urteilt das Science Media Center Deutschland zumeist nicht, sondern stellt die Fülle von Expertenmeinungen zusammen. Und das ist gut so!

Von anderen Laien 

Um wieviel weniger ist dann dem Urteil von Laien zu trauen, die Grundmann im Blick hat? Jene, die womöglich vor 15 Jahren Chemie studiert haben, aber inzwischen Manager sind oder als als Quereinsteiger Software schreiben. Was ist mit dem Lehrer, der kaum Zeit hat, Schritt mit dem Fach zu halten? Dem Mathematiker in einer Versicherung? Alles Akademiker, sie mögen gut in ihrem Job sein, sind aber Laien überall anderswo – übrigens genau wie der Wissenschaftler, der nur und allein in seiner Fachnische Experte ist und überall anderswo nur ein Laie!

Nochmal Grundmann: „Natürlich sind Wissenschaftler weder unfehlbar noch unbestechlich und frei von Eigeninteressen.“ Genau deshalb fordert er Laien dazu auf, kritisch zu bleiben, erst recht, wenn zwei oder mehr Experten sich widersprechen oder „es Indizien dafür gibt, dass der Experte interessengeleitet oder bestochen war.“

Aber für Grundmann gilt, dass „das Vertrauen in die Experten der zuverlässigste Weg der Wahrheitsfindung“ ist. „Das System selbst beinhaltet Korrekturmechanismen, durch die Fehler aufgedeckt werden.“ Hat nicht unlängst die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Rolle von Ombudspersonen gestärkt, führen nicht Plagiate zu Sperrung bei Drittmittelanträgen, hat nicht die Wissenschaft selbst einen Herrn Schön, einen Herrn Kwang und andere aus ihrer Gemeinschaft verbannt?

Rehländer bemängelt zu Recht das „gefühlt stetig wachsende Maß mit Widerrufen von peer-reviewed Artikeln“, die bestellten Gutachten. Aber wie viele Verfehlungen kommen tatsächlich vor im Vergleich zu der großen Menge an Forschungstexten? Sind jene nicht verschwindend gering im Vergleich, nur dass diese dann von Medien hochgepuscht werden?

Grundmann schreibt: „Der Laie sollte Expertenmeinungen sogar dann folgen, wenn sie ihm eher abwegig erscheinen“ – einen Satz, den Rehländer auf Twitter besonders herausgestellt hat. Aber: Ist die Vorstellung von „Schrödingers Katze“, die gleichzeitig lebendig und tot ist, nicht etwa abwegig? Und wer außer Experten versteht wirklich die Quantentheorie oder hat eine genaue Vorstellung vom Higgs-Teilchen? Kann ich als Laie mir ein Urteil darüber erlauben?

Wie kann daher die Laienmeinung genau so viel Wert sein, wie die vom Fachwissenschaftler? Ich diskutiere auch nicht mit dem Piloten über die Route und ob eine andere Kerosin spart. Und ich vertraue meinem Zahnarzt, wenn er den Zahn zieht, und diskutiere genauso wenig mit dem Förster, ob er diesen oder besser jenen Baum abholzen lässt … Warum also sollte die Schar der Laien jeden Wissenschaftler in Frage stellen dürfen?

Kakophonie zerstört Werte

Grundmanns Hauptthese ist, dass die Vielstimmigkeit von Laien im Internet zum Teil die Expertenmeinung übertönt, dass sich hier Personen Urteile über alles mögliche erlauben (können), ohne überhaupt in die Wissenschaft eingedrungen zu sein, und dass sie so auf Dauer das Vertrauen in die Experten untergraben. Ist diese Annahme so falsch angesichts der Kakophonie im Netz? Noch vor wenigen Tagen hat Bernhard Pörksen die „Empörungsdemokratie“ verurteilt und „eine konkrete Bildungsutopie, die Idee der redaktionellen Gesellschaft“ gefordert: „Wir haben mit dem guten Journalismus ein publizistisches Wertegerüst und ein Handwerk, das heute zu einem Bestandteil der Allgemeinbildung werden sollte“.

Grundmanns Schlussakkord: „Das Vertrauen in Experten und Autoritäten muss geschützt und gestärkt werden. Deshalb sollte die Öffentlichkeit aufgeklärt werden, dass sich die Spielregeln der Wissensgesellschaft und der Demokratie unterscheiden.“ Was ist daran falsch? Ob etwas der „Wahrheit“ entspricht – oder wie es in der Wissenschaft heißt: noch nicht falsifiziert ist -, das ist doch keine Frage, die per Mehrheitsentscheidung bestimmt wird.

Demokratie und Gesellschaft haben eine andere Funktion: Sie geben das Geld für die Wissenschaft und können mit Fug und Recht verlangen, dass Wissenschaftler sich an die eigenen Regeln halten!  Und sie bestimmen weitgehend, ob bestimmte Wissensgebiete nach gesellschaftspolitischen oder ethischen Maßstäben mehr oder weniger oder gar nicht beforscht werden sollten.

Kein Ende der Wissenschaftskommunikation

Schließlich die Wissenschaftskommunikation. Selbstverständlich kommunizieren Wissenschaftler mit Laien. Alle Studierende sind es am Anfang des Studiums. Und es gibt mehr oder weniger begnadete Wissenschaftler, die ihr Fach und ihre Erkenntnisse hervorragend auch dem allgemeinen Publikum erläutern und das weiter tun sollen. Sie tun es aber als Lehrende, also als Teil ihrer Profession. Auch die Mitglieder des Siegener-Kreis erwarten das zu Recht von Wissenschaftlern. Und Science-Marchs sind auch nichts anderes als Aufrufe um mehr Vertrauen in die Wissenschaft.

Zu guter Letzt unsere Zunft: Selbstverständlich müssen die Kolleginnen und Kollegen in den Pressestellen kritisch mit den Informationen ihrer Wissenschaftler umgehen. Aber wenn sie von vornherein ihnen nicht ein Grundvertrauen entgegen brächten, könnten sie doch sofort den eigenen Job an den Nagel hängen! Es geht nicht darum, dass keine Wissenschaftskommunikation mehr stattfindet, sondern dass sie sich ihrer eigenen Rolle bewusst bleibt und sich an die eigenen Qualitätsmaßstäbe hält.

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Vom Verlust der leisen Töne

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Vor knapp zwei Jahren habe ich mir „neue Ohren“ gegönnt, na ja, ein Paar Hörgeräte. Zu lange hatte ich mich in lauter Umgebung aus Gesprächen ausgeschlossen gefühlt; ich konnte einfach die Stimmen der einzelnen und was sie sagten nicht mehr so genau unterscheiden. Mit den neuen Hörgeräten bin ich wieder mitten im Geschehen: Ich kann den meisten Gesprächen folgen, manches Musikstück entdecke ich neu und empfinde dabei einem besonderen Genuss; außerdem höre ich plötzlich wieder Wasser aus dem Hahn rauschen, Papier rascheln und selbst gelegentlich das leise Piepsen der Spülmaschine, die das Ende des Programms ankündigt. Viele verloren gegangene Töne sind wieder da!

Dennoch vermisse ich die leisen Töne! Noch mehr vielleicht die Zwischentöne. Aber ganz wo anders. Als Mensch der Medien und der Kommunikation verfolge ich natürlich die tägliche Nachrichtenwelt mit großer Neugier und sehe, dass sie hier weitgehend verloren gegangen sind. Übrig geblieben ist fast allein das laute Geschrei. Das zeigt sich besonders dieser Tage bei den Stimmen und Kommentaren zu den Sondierungsgesprächen für die so genannten Jamaika-Koalition, ihrem Scheitern und der hastigen Suche nach Auswegen zwischen Neuwahlen, Minderheitsregierung und erneuter Großer Koalition. Eine Meute von Tagesjournalisten hetzt die Politiker vor ihre Kameras und Mikrofone, aber mir kommt es vor, dass sie den Antworten kaum noch zuhört. Es ist, als ob sie nicht mehr die Zeit hat, das Gesagte zu verarbeiten, oder es auch gar nicht will. Besserwisser sind zumeist unterwegs und verkünden ihre Meinung in aufgeregter und hochgerüsteter Sprache.

Kommen Politiker nach zehnstündigen Verhandlungen („Gesprächs-Marathon“) müde und abgeschlagen aus der Sitzung, steht bereits die Meute hungrig vor ihnen: zahllose Mikros und Kameras nehmen auf, was jene zu sagen haben müssen, ohne dass sie überhaupt vorher die Zeit hatten, die Ergebnisse ihrer stundenlangen Beratungsrunden zu reflektieren. Sie sind gezwungen sich dem zu beugen – sie müssen sprechen, auch ohne groß nachzudenken; sie haben es ja in vielen Medientrainings gelernt, ihre häufig genug wenig inhaltsvollen „Statements“ einfach abzuspulen. Journalisten erwarten nur bestätigt bekommen, was sie selbst längst zu wissen glauben oder als richtig erkannt und in der Wartezeit schon in die Kameras und Mikrofone dem Publikum verkündet haben. Hast ist ihr Kennzeichen: Mehr als 30 Sekunden darf ja das Statement nicht dauern, da schaltet bekanntlich der Zuschauer weg. Und so bleiben bloße Meinungen übrig, aus Zeit- und Gedankenmangel vorgefasst, denen längst die Analyse zum Opfer gefallen ist. „Meinung ist ein Handelsgut. Da geht es darum, lauter, schriller, schneller, schlagfertiger zu sein. Oder darum, auf erwartbare Fragen erwartbare Antworten zu geben. […] Das Schnellurteil wird zum wesentlichen Moment der Kommunikation“ […] „Der Urteilende bleibt unschuldig. Für eine Meinung kann man nicht haftbar gemacht werden“, sagt sehr zutreffend der Kulturphilosoph Joseph Vogl in einem Interview für ZEIT-Wissen (Nov./Dez. 17).

Politikern, die einen harten und mühevollen Job mit viel Verantwortung ausüben, wird mit Respektlosigkeit begegnet. Anstand und Höflichkeit sind verloren gegangen. Selbst die vermeintlich seriösen Medien opfern der Schlagzeile den Anstand. So lese ich in der ARD-Tagesschau die Nachricht-Bauchbinde „Sondierer zum Rapport beim Bundespräsidenten“, als ob hier der Gefreite vor dem Oberst strammstehen muss. Auch so ein erfahrener Kommentator wie Hans Prantl (Süddeutschen Zeitung) wirft sich in Pose und macht scheinbar gedankenlos den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner mit dem Vorwurf der „Verantwortungslosigkeit“ nieder, als ob dieser völlig unbedacht, sich Verhandlungen entzogen habe. Und im nächsten Augenblick wirft Prantl sich in die Pose des Staatsmanns und redet eine „Große Koalition“ herbei, gleichsam als ob Aufgabe des Journalisten Politik zu machen sei. Statt mit analytischer Kritik wird dem gewählten SPD-Vorsitzenden Martin Schulz mit Häme begegnet. Und Titelblätter von vermeintlich seriösen Wochenmagazinen überschreiten schon mal zugunsten des Marketings die Grenzen des guten Geschmacks und bewegen sich am Rand der Beleidigung (Beispiel). Interviews kommen im rüden Ton des Exekutionskommandos daher. Schließlich versteigen sich viele Medien auch noch zu behaupten,  die ganze Welt sei „besorgt über die politische Krise in Deutschland“. Merken sie nicht, dass sie völlig aus der Rolle fallen? Weniger stabile Länder als Deutschland wie etwa Belgien, kommen sogar ein Jahr ohne eine neue Regierung aus und gehen deshalb nicht unter. Warum sollte gerade unser Land, wirtschaftlich stark und stabil wie kaum zuvor, deshalb abstürzen?

Was mir an der ganzen Aufregung missfällt, ist die Aufregung selbst: das ständige laute Geschrei, das jeden leisen Ton unmittelbar und fast völlig übertönt, so dass kein Zwischenton mehr hörbar ist, geschweige denn zugelassen wird. Unanständig empfinde ich die „Besserwisserei“ insbesondere der politischen Journalisten und Kommentatoren. Nicht allein, dass sie sich immer wieder „gemein machen mit der Sache“, der Meinung des vermeintlichen „Mainstreaming“ – heute die der Verantwortung heuchelnden Moralisten und morgen wer weiß welchem Trend…  Man merkt Ihnen auch leicht an, nach wessen Wind sie sich gleich wieder drehen werden.

Dabei wäre doch ihre Aufgabe eine ganz andere: Als kenntnisreiche aufmerksame Betrachter der politischen Entwicklung erwarte ich von ihnen die Analyse, das Abwägen und das Einordnen ohne vorgefasste Meinung. Wohltuend war für mich dieser Tage ein Post auf Facebook mit einem Ausschnitt aus einer Gesprächsrunde aus dem Fernsehen der 70er: Die Moderatorin Marianne Koch im Gespräch mit Vicco von Bülow, besser bekannt als „Loriot“. Was heute Gang und Gebe ist, hat er damals schon erkannt und verurteilt: „Was mich stört […] ist, dass mit dem Fernsehen Politik gemacht wird, weil sehr viele Fernsehleute es nicht lassen können, ihre völlig unmaßgebliche politische Meinung über den Bildschirm verbreiten zu müssen.“ Auf Nachfrage präzisiert er: „Dass aber einer so tut, als ob er in Besitz der Wahrheit sei, und sagt er sei objektiv, was er aber in Wirklichkeit macht, ist dass er in schlimmster Werbemanier seine persönlichen politischen Ansichten verkauft – es ist widerwärtig!“ Loriot verlangte von Fernsehleuten (und das sollte von mir aus auch für andere Medien gelten), aus ihrer persönlichen politischen Meinung ein Rätsel zu machen. Denn: „Der richtige Platz eines verantwortlichen Fernsehmachers ist zwischen allen Stühlen und nicht auf den selben.“

Es wäre Zeit, sich vom  bloßen Meinen wegzubewegen hin zu einer Kultur der Neugierde und dem Bedürfnis nach Analyse und Verstehen. Dahin wünschte ich mir Medien zurück. Dafür sind neben tiefer Kenntnis der politischen Lage, der Fähigkeit zu klaren und aus Neugierde begründeten Fragen die leisen Töne notwendig. Und dazu ist eine Eigenschaft unabdingbar: Distanz zur eigenen Person! Sie findet man immer seltener in politischen Ressorts der Medien, wohl aber in manchen politischen Beiträgen von Feuilletonisten.

Weg von den Superlativen und dem allgemeinem Geschrei wäre mehr als hilfreich, und natürlich mehr Zeit! Warum müssen sofort nach Ereignissen fertige Meinungen präsentiert werden? „Zeitdruck erschwert Manieren“, sagt zurecht Joseph Vogl. Wenn die Medien sich manchem Druck entzögen, würde vielleicht auch das Publikum wieder lernen, jene leisen Töne und Zwischentöne zu hören, die es insbesondere mit dem Aufkommen der sozialen Medien zu hören verlernt hat und wodurch es selbst inzwischen zur lauten, hetzenden Meute geworden ist.

Aber vielleicht tragen nicht nur die Journalisten und Kommentatoren Schuld, sondern in erster Linie die Änderungen in der Struktur der Öffentlichkeit und die Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen. „Das Medium ist die Botschaft“ schrieb Marshall MacLuhan in den frühen 60ern. Die heutige Hast, die ständige Erreichbarkeit, die Vielzahl an 24-Stunden „live news“, die fortwährenden Tweets, Facebook Postings und Whatsapp Nachrichten lassen kaum noch Zeit für Analyse und Zurückgezogenheit. Dabei sein ist alles – als ob die mediale Präsenz zur neuen Olympischen Disziplin avanciert ist. Ist daher jede Forderung nach Innehalten sinnlos?

Ich hoffe nicht. Man könnte mir vorwerfen, ich sei völlig aus der Zeit gefallen. Vielleicht ist es so. Obwohl auch ich mich der Faszination des Dabeiseins nicht entziehen kann, obwohl auch ich auf Facebook aktiv, gelegentlich in Twitter unterwegs bin, gönne ich mich zunehmend die Ruhe zum Lesen dicker Bücher und langer Beiträge. Ich ziehe mich zunehmend dafür auf die Couch und das stille Zimmer zurück Und was die laute Welt angeht: Manchmal bin ich sogar froh und glücklich über die Möglichkeit, die Hörgeräte ausschalten und mich dieser leiseren Welt zu widmen zu können.

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Wenn die Familie sich gelegentlich trifft …

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Anmerkungen zur Tagung der Stiftung Volkswagen „Wissenschaft braucht Gesellschaft“ 

Ja, wie geht es denn nun weiter? Die Ausgangsfrage auf der Tagung „Wissenschaft braucht Gesellschaft – Wie geht es weiter nach dem March of Science?“ ist eben nicht diskutiert worden. Diesmal hatte die  VolkswagenStiftung zusammen mit der Robert Bosch Stiftung, der ZEIT und der Leopoldina zum „Familientreffen“ nach Hannover eingeladen, und es kamen zahlreiche Familienmitglieder: die üblichen Wissenschaftler*innen für ihre Organisationen, die besonderen Wissenschaftsjournalist*innen für ihre Zunft und die Handvoll Pressesprecher*innen, mit großem geordneten Laden und Zeit dafür. Fast alle kennen sich gut untereinander und wissen, wie der jeweils andere denkt. Die Fluktuation auf diesen Familientreffen ist deutlich geringer als in den meisten Institutionen der Wissenschaft selbst.

Wissenschaftsbarometer ist interpretierbar

Viel wurde der Vertrauensverlust der Wissenschaft beklagt. Bereits im Eingangsstatement mahnte Prof. Dr. Joachim Rogall, dass die „eigentliche Vertrauenskrise“ noch komme. Zu wenig ist aber differenziert worden, wer wo wann welches Vertrauen verloren hat. Das häufig ins Feld geführte Wissenschaftsbarometer 2017 ist interpretierbar und lässt Rückschlüsse in beide Richtungen zu: Mehr als 50 % vertrauen der Wissenschaft, und nur 12 % vertrauen ihr nicht oder eher nicht. Die große Mehrheit stellt für sich fest, dass sie von der Wissenschaft eher profitiert und dass sie mehr Nutzen als Schaden stiftet. Also alles gut, oder …?

Es ist leider kaum darüber gesprochen worden, was Vertrauen ist, wie es gewonnen und verloren wird, und welche Wissenschaftler warum Vertrauen verlieren. Wissenschaftler geraten – so meine Sicht – in die Kritik, a) wenn sie sich in die Politik einmischen und zudem den Menschen weismachen oder vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben – damit müssen sie umgehen lernen, und b) wenn sie sich korrumpieren lassen, etwa durch Geldgeber oder weil sie in der entfesselten Konkurrenz zu Mitteln greifen, die ihnen und der Wissenschaft selbst langfristig schaden, etwa zu Plagiaten, Datenfälschung oder Gefälligkeitsgutachten. Dagegen helfen nur strenge interne Regeln und Sanktionen. Es war Anna-Lena Scholz (ZEIT, Hamburg), die der Wissenschaft zurief: „Bevor man die Tür des Elfenbeinturms öffnet, sollte man drinnen aufräumen“ –  stimmt, auch wenn sie anscheinend noch nicht wahrgenommen hat, dass es den Elfenbeinturm längst nicht mehr gibt. Dennoch: der deutschen Wissenschaft geht es golden. Nie ist so viel Geld in die Forschung geflossen, wie in den letzten 10 bis 15 Jahren! Alles gut also?

Die Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Prof. Martina Brockmeier, betonte, dass Misstrauen in Wissenschaft durch die Abhängigkeit von Geldgebern entsteht, weil ihnen„unlautere Motive“ unterstellt werden. Sie nannte einen „gelungenen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft für beide nützlich und im eigenen Interesse“, und forderte Wissenschaftler direkt auf, persönlich sich in die Kommunikation mit der Gesellschaft einzubringen. (Dazu hat der Wissenschaftsrat kürzlich seine Stellungnahme zu Vertrauen veröffentlicht.) Nach Prof. Wolfgang Schön, dem Vizepräsidenten der Max-Planck Gesellschaft (MPG) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), treffen sich „Wissenschaft und Gesellschaft im gemeinsamen Erkenntnisinteresse“. Für ihn steht außer Zweifel, dass Wissenschaftler erkennen müssen, „wann ihr Thema aktuell ist“ und sich dann einbringen; umgekehrt müsse die Gesellschaft „akzeptieren“, dass „Wissenschaft ein Freiraum“ sei.

Wissenschaftsjournalisten auf Print und Öffentlichen Rundfunk fixiert

Das  Gros der anwesenden Wissenschaftsjournalisten stimmte wieder die Klage vom Niedergang ihrer Zunft an – wohl weil die meisten von ihnen noch immer auf die traditionellen Medien fixiert zu sein scheinen: auf die Prints der wichtigsten überregionalen Blätter und die öffentlichen Rundfunkanstalten. Der einzige, der auf jedem Familientreffen permanent daran erinnert, dass das Publikum längst in die sozialen Medien ausgewandert sei, ist Reiner Korbmann, der mit seinen 71 geradezu zu den Großvätern in der Familie zählt. So haben z.B. die Diskutanten in der Arbeitsgruppe „Welchen Einfluss haben die Medien auf den Prozess der Vertrauensbildung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit“ diese Leitfrage gerade nicht diskutiert, sondern hauptsächlich ihre Anliegen „vertreten“: Prof. Holger Wormer betete die 12 „apostolischen“ Empfehlungen der Akademien der Wissenschaft herunter, Christian Schwägerl warb fleißig mit Prospekten für die Riff-Reporter Genossenschaft und Stiftung, immerhin eine neue Initiative, und erklärte deren Aufgaben; schließlich Volker Stollorz, der zum wiederholten Male das Bild des Dschungels Wissenschaft  bemühte und die Segnungen des Science Media Center als Wegweiser durch ihn. Hätten an ihrer Stelle PR-Fachleute gestanden, sie hätten es jedenfalls nicht besser machen können!

Leitlinien guter PR diffundieren

Die „Wissenschaftskommunikatoren“, also die PRler, hatten in Hannover eher geruhsame und kritikfreie Tage im Ohrensessel. Das Wissenschaftsbarometer von Wissenschaft im Dialog wird allgemein wahrgenommen und als hilfreiches Instrument anerkannt, und Antworten auf die virulente Frage, wie auf die Vertrauenskrise zu reagieren sei, kamen fast reflexartig von den anderen: Mit mehr Kommunikation und also mehr Geld und Personal für die Wissenschaftskommunikation. Letztlich haben manche PRler für ihre Zunft den Job gut gemacht: Die „Leitlinien für die gute Wissenschaftskommunikation“ sind beschlossen, und sie diffundieren allmählich in die Community; es gibt sogar begründete Hoffnung, dass auch die Führungsebenen der Wissenschaftsorganisationen sie irgendwann zur Kenntnis nehmen könnten. Alles gut also?

Mitnichten! Den vielleicht klarsten Vortrag – nach der Keynote von Prof. Naomi Oreskes aus Harvard – hielt gerade ein „Werbefachmann“: Stefan Wegner, Partner und Geschäftsführer von Scholz & Friends Agenda, Berlin. Er identifizierte und begründete vier Felder des allgemeinen Misstrauens in der Bevölkerung gegenüber Eliten: a) deren institutionelle Angst vor Selbstkritik; b) deren ostentative Überzeugung  zu glauben stets das Richtige zu tun, also ihre Ignoranz, c) die institutionelle Verflechtung der Eliten mit der Politik und d) schließlich eine nur scheinbare, nicht wirklich ernst gemeinte Dialogbereitschaft. Leider blieben aber seine Vorschläge dann doch zu sehr im Nebulösen stecken; seine Schlagworte lauteten „Neue Schlichtheit“, „neue Ehrlichkeit“, „neue Unabhängigkeit“, „neue Sichtbarkeit“ und „neue Nähe“.

Mein Fazit aus dem „Familientreffen“:

  1. Um die Diskussion über Wissenschaftskommunikation zu vertiefen, muss man fragen, wie zu kommunizieren ist und wie man Vertrauen zurückgewinnen kann in einer Zeit schwindender Aufmerksamkeit bei gleichzeitig steigendem Bedürfnis des Publikums, alles in den sozialen Medien kommentieren zu wollen und müssen;
  2. Selbst wenn Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten sich einer Gegenaufklärung ausgesetzt sieht und ein ähnliches Schicksal zu erleiden scheint wie die Religion durch die Aufklärung vor drei Jahrhunderten, so ist mir (als nicht religiöser Mensch) – Naomi Oreskes’ Verweis auf Pascals „Wette“ äußerst sympathisch: Man solle der Wissenschaft einfach Glauben („faith“) schenken, nur so könne man immer gewinnen! Auf die Klimaveränderung bezogen hieße das,  selbst wenn die düstersten wissenschaftlichen Prognosen zum Klimawandel nicht eintreten sollten – indem wir uns so verhalten, als ob sie richtig sind und dieser vor der Tür steht, tun wir am Ende etwas zur Verbesserung der Welt.

Dass es schließlich doch eine Antwort auf die Ausgangsfrage gab, dafür sorgten die prämierten Organisatoren des „Science March“: 2018 gibt es wieder einen „Science March“ – und sicher weitere Familientreffen …

 

Eine leicht gekürzte Fassung des Textes ist erschienen unter: Wissenschaftskommunikation.de

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„Man fühlt Absicht, und man ist verstimmt“ 

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Vorrede

Weit Berufenere als ich haben die neue Stellungnahme der Akademien der Wissenschaft zu „Wissenschaft Medien Öffentlichkeit“ ernsthaft kommentiert (wissenschaftskommunikation.de; wissenschaftkommuniziert.wordpress.com). Ich will hier ihre guten Argumente nicht wiederholen, sie sind aus den jeweiligen Blickwinkeln stimmig und hervorragende Beiträge zur allgemeinen Diskussion.

Das Thema will ich dagegen aus einer anderen Perspektive angehen, gleichsam à rebours aus der der Geschichtenerzähler und des Theaters. Theaterliebhaber werden natürlich das Zitat der Überschrift als aus Goethes „Torquato Tasso“erkannt haben. Nun räubere ich ein bisschen darin und anderswo, und ich komme nicht umhin, Goethe und den anderen etwas Gewalt anzutun. Verhalte ich mich aber anders, als Regisseure und Dramaturgen, die alte Stücke in neue Kleider packen? Gibt es überhaupt noch eine Aufführung von Stücken klassischer Dichter, die ihnen nicht Gewalt antut?

Zur Aufführung

Die Bühne ist übervoll, mehr als 17 Personen bevölkern sie abwechselnd, dürfen Vorgegebenes, Vorgeschriebenes, Vorbedachtes, auch sogar Spontanes zum Besten geben; nur der Zeremonienmeister verhaspelt sich fortwährend. Das entspricht heutiger Aufführungspraxis; Jamben kommen nicht mehr vor (wer kann sie schon heraus noch hören?), sie lohnen der Mühe nicht, wie überhaupt rhetorische Figuren Fehl am Platze sind. Zu viel wird der Hast zum Opfer fallen müssen, kaum einer Figur ist die Zeit gegeben, der sie bedürfte, um alles hier abzuladen, das sie mühsam hergetragen. Einzig eine Politikerin zeigt neben Courage vergeblich noch, dass sie Rhetorik für ihren Beruf erlernt habe.

Aber die meisten der Akteure auf der Bühne sind, glauben Sie mir, nicht der Rede Wert –  so wichtig sind ihre Beiträge nicht und wollen auch nicht so recht ins Stück passen. Sie bilden nur die Staffage.

Zu guter Letzt, ach das Publikum. Mag das Stück ihm gewidmet sein, es spielt in ihm so gut wie keine Rolle. Soll es doch gefälligst später sich mokieren, und bitte, es möge seine Buhrufe diskret anderswo erschallen lassen. Zu wertvoll ist die Zeit, sind die drei oder mehr Jahre gewesen, die das Stück zu seiner Entstehung bedurfte, da bleibt für die Aufführung heute kaum Zeit mehr übrig. Die dramatis personae müssen doch schon bald fort zum nächsten Theater und Engagement.

Außerdem: Soll das Publikum doch froh sein, einer Exklusiv-Aufführung beiwohnen zu dürfen.

Ein Schelm macht noch kein Drama

Natürlich spielt Tasso in diesem modernen Stück nur noch eine Nebenrolle, anders als bei Goethe, da er die zentrale Person, den Dichter gibt. Hier in diesem Stück gibt er den erfolgreichen Narren, der allerdings seine Narrenkappe längst abgelegt hat. Shakespeare galten Narren noch viel und sprachen die Wahrheit aus, und wurden, wenn sie versagten, geköpft. Ach, armer Yorick, was ist aus Dir nur geworden …

Heute wird der Narr nicht mehr geköpft. Dazu ist er zu erfolgreich. Er hat in den letzten 20 bis 30 Jahren gelernt, die Narrenkappe gut zu verbergen – und findet sie gar kaum noch wieder. Seine Rolle hat er umgeschrieben und ist mit ihr weit über sich hinausgewachsen. Inzwischen darf er über sehr viel ihm jährlich stets verliehenes Geld verfügen – ein Zeichen für das steigende Vertrauen, das ihm allmählich zukommt. Sein Erfolgsrezept ist denkbar einfach: Er huldigt den Mächtigen, bedient ihre großen und kleinen Eitelkeiten und schürt den Neid ihrer Konkurrenten; an beidem weidet er sich gern heimlich. Viele Herzöge und Fürsten sind bald bereit, ihn ausreichend zu alimentieren.

Wohlgemerkt: Noch vor 30 Jahren war er weitgehend unbeachtet und konnte sich mal mehr, mal weniger seinen Narreteien hingeben und seinen Spaß daran haben. Mit dem neuen Erfolg gehört er aber nun dazu und will es sich nicht mehr mit den Großen verderben. Erneut macht das Sprichwort die Runde: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. So bedient er gut die Mächtigen und putzt deren Gefieder blank und die Westen weiß. Geliebt wird er trotzdem von ihnen nicht! Und so achten sie auch sehr wohl darauf, den Lakaien auf Distanz zu halten, wohlwissend, sie könnten leicht als Teil der Farce gesehen werden.

Und er? Obwohl er gerne Erfolg und Anerkennung genießen würde, wagt er das wohlwissend nicht! Und er tut gut daran sich zu hüten, öffentlich die geschwellte Brust zu zeigen. Er weiß gut, er ist aus diesem Stück nicht mehr wegzudenken, auch wenn manche ihn gerne wie einen Hund vor die Hütte jagten. Er ist unentbehrlich geworden, verschafft er vielen Fürsten, Herzögen und gar dem König die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt und an der sie so inbrünstig sich laben. Aufmerksamkeit ist heute die Währung. So hat der ehemalige Narr dafür zahlreiche neue, laute Schellen erworben, und aus früheren Zeiten nur das Lebensmotto ins Heute gerettet: „Erlaubt ist was gefällt!“

Dramatis personae: Herzöge und Fürsten

Die wichtigste Rolle fällt der Schar der Herzöge zu. Ihnen sind jeweils sehr viele Fürsten unterstellt, die ihnen huldigen. Sie huldigen ihnen nicht nur, weil sie in deren Licht sich sonnen wollen, sondern weil sie von ihnen abhängig sind und von ihnen die Mittel und Räume haben, ihrer Bestimmung gemäß Neues zu erkennen und die Wahrheit zu finden. Je größer die Herzogtümer, desto mehr Fürsten. Und so tragen viele Fürsten zum Erfolg der Herzöge bei und werden von diesen belohnt – natürlich mit weiterem Gold, das sie für die Alchemie benötigen und die Verliese mit noch mehr Sklaven zu füllen. Unbestritten: Natürlich brauchen jene das Geld, damit diese erkennen, was die Welt zusammenhält. Aber weder unter den Herzögen noch unter den Fürsten herrscht Gleichheit. Galt noch unter den Aposteln „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ So heißt es seit langem mephistophelisch: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“.

Jeder Herzog muss auf Ausgleich bedacht sein, so sehr ihm seine eigenes Spiegelbild gelegentlich im Wege steht: Er ist nur dann erfolgreich, wenn er viele Fürsten hat und sie weidlich belohnen kann. Und über Ihnen allen thront die Königin, die das Vermögen des Reiches mehrt, verwaltet und die Güter nach Gutdünken und Gutreden verteilt.

Warum haben aber Herzöge und Fürsten plötzlich Angst vor dem gemeinem Volk? Was fürchten sie sich nur vor dem lauten Gebrüll vor der Tür? Haben sie nicht etwa selbst zu dessen Belustigung beigetragen, als einige sich auf Kanonenkugeln durch die Luft schießen ließen? Verlangt das Volk etwa ungebührlich nach einem eigenen Part in diesem Theater? „Wir raunen ihm doch deutlich und unentwegt zu, anders als unsere Narren: ‚Erlaubt ist was sich ziemt‘“?

Der alte Chor sucht nach neuer Bedeutung

Herzöge und Fürsten stehen in diesem Stück vor einem Dilemma: Sollen sie ihren Narren das Ohr leihen, die dem Volk mit „erlaubt ist, was gefällt“ das Wort reden? Oder auf den düsteren Chor der Philosophen hören, aus dem es unisono laut herausschallt: „ERLAUBT IST NUR DIE WAHRHEIT“?

Die Philosophen waren als erste da und lassen sich nicht gern abspeisen. Sie waren in früheren Zeiten die Mächtigen, sie wählten aus, was das Volk hören durfte, was in Stein zu meißeln sei, und sie bestimmten, welches Manna über das Volk regnen solle. Ihr Erfolgsrezept war, sich im Besitz der vollen Wahrheit zu wissen. Über viele Jahre durften nur sie die Erkenntnisse der Fürsten durchleuchten. Diese mussten sich sogar gefallen lassen, dass die Philosophen nur spärlich auswählten, welche Stücke aus der Fürsten Erkenntnisfülle das gemeine Volk abzubekommen habe. „Wie können ach nur die Narren glauben, das Volk verdaue die ganze Wahrheit?“, denken sie kopfschüttelnd nicht nur still und heimlich vor sich hin.

Doch leider haben sie diese mächt’ge Rolle verloren, die Steintafeln sind ausgegangen oder zu teuer geworden, und ihre Rolle den Narren mit ihrem Aufstieg zugefallen. Zu gut schaffen diese, größere Teile vermeintlicher Wahrheit dem Volk als Honig um den Bart zu schmieren. Philosophen dagegen finden kaum mehr Orte, wo sie in alter Manier die Worte in Stein noch meißeln dürfen, suchen inzwischen gar selbst den Beifall des Publikums. Dennoch: Alte Steintafeln zerbröseln und die Philosophen müssen immer mehr zusehen, wie seltener noch Exemplare ihrer Zunft auf der Bühne Platz und Auskommen finden. Sie verlieren sogar viele ihrer Besten an die ungeliebte Narrenzunft.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch …“, dichtete ein Zeitgenosse Goethes, der dennoch nicht, weinende Philosophen vor dem Sprung in den Vulkan zu retten wusste. Aber Philosophen sind bekanntlich auch überaus listig und verfolgen beharrlich ihr heimliches Ziel: die Narren wieder aus dem Weg zu räumen. Dafür ersonnen sie zwei mächt’ge Mittel: Sie wählten den vermeintlich Besten aus ihrer Zunft aus und verschafften ihm listig ein kleines Fürstentum, damit er sich den großen Herzögen nähere und ihnen ins Ohr flüstern könne, „erlaubt ist nur die Wahrheit“. Außerdem gründeten sie ein schönes neues „Haus der Wahrheit“, in dem nur sie Platz nehmen dürfen.

Ein Stück ohne Akte, Dialoge und mit spärlicher Handlung

Nachdem nun die Konstellation bekannt, schreiten wir zum Ort der Handlung. Es ist das Hohe Haus, in das gewöhnlich nur Herzöge in der Hauptstadt des Landes zusammen kommen. Diesmal sind aber nur vereinzelte Herzöge, dafür viele Fürsten, wenige Philosophen und sogar ein Narr in die Ratsversammlung aufgenommen. Dieser Rat hat sich also heute zur Verkündung eingefunden, nachdem er sehr tief, lange und intensiv nachgedacht. Schon bevor das Parkett sich füllt, verteilt er seine Empfehlungen für das allgemeine Gesunden von Volk und Wissen.

Die Verkündung

„Höret was der Hohe Rat zu verkünden hat.“, sagt der Zeremonienmeister. „Es geht um nicht weniger als darum, Wie das Volk in Zukunft zu behandeln sei. Wie es vor Gauklern und Narren zu schützen sei, damit es nur glaube, was Herzöge, Fürsten und Philosophen ihm als Wahrheit zubilligen.“

„Wir verkünden Euch nur die wichtigsten Ratschläge unserer hohen Versammlung, als da sind:

  • Wir sprechen über das Volk, aber nicht mit ihm!
  • In Zukunft soll nur gelten: „Erlaubt ist die Wahrheit, die sich ziemt“
  • Wir bauen uns ein neues Ministerium der Wahrheit, auf das unser Volk zu hören hat;
  • Weil die Philosophen uns so guten Dienst erwiesen und weiter erweisen sollen, wird die Königin ihnen die Gnade erweisen, ab sofort jährlich eine großzügige Apanage auszahlen, auf das sie nicht mehr sich im Schweiße ihres Angesichts oder als heimliche Diener der Narren verdingen müssen;
  • Auch unsere Narren werden in Zukunft nur verkünden dürfen, „erlaubt ist die Wahrheit, die sich ziemt“; ihre lauten Schellen dürfen sie nicht weiter verwenden!“

Nachspiel: 

Das Stück im Hohen Haus ist aus, der Vorhang gefallen, die Schauspieler eilen zu neuen Ufern.

Draußen vor der Tür aber tanzt und feiert fröhlich das Volk (und mit ihm manche Narren). Es hat sich längst der lauten Schellen bemächtigt, täglich erfindet es selbst gar weitere Schalmeien und Trommeln, ersinnt, wie es sich in eigenen Zünften, Vereinigungen und Räte zusammenrotten will, sucht eigene Erkenntnisse und lässt Herzöge, Fürsten und Philosophen in ihren Ministerien und Häusern der Wahrheit friedlich weiterleben bis sie verstorben sind  …

Nachrede

War das nun ein überhaupt ein Theaterstück? Oder nur ein Kasperletheater? Die Verstimmung ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Ebenso wie das Publikum, das seinen Eingang in das Stück längst gefunden hat.

Gut so! Es war wohl kein „Torquato Tasso“, aber zum Schluss ein letztes Zitat aus ihm:

„Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt,
Und wer sie meidet wird sie bald verkennen.“

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Können Veganer Katholiken sein?

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Der wachsende Veganismus entzweit zunehmend katholische Veganer von ihrer Kirche:  Können sie noch Katholiken bleiben? Können sie weiter an der katholischen Feier der Eucharistie teilnehmen? Diese Fragen sind Gegenstand einer wissenschaftlichen Studie von Katholischen Dogmatikern in Bochum. Erste Antworten klingen nach einem eindeutigen „Nein“; erste Ergebnisse der heute begonnenen Studie könnten nach bisherigen Informationen schon an Fronleichnam vorliegen.

Gegenstand des Dissens ist die Eucharistie. In ihrem Zentrum steht das allerheiligste katholische Sakrament: die Kommunion. Gläubige nehmen mit der Hostie und dem Wein Fleisch und Blut Christi in sich auf. Dieser Glaube beruht auf dem 1. Korintherbrief Paulus: “Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!“ (1. Kor 11, 23-25).

Diese so genannte „Transsubstantiation“ wurde auf dem Konzil von Trient (1545-1563) bekräftigt. Dem vorausgegangen war eine lange Diskussion der Interpretation der Metaphysik des Philosophen Aristoteles (384-322 v.Chr.). Ihr zufolge besteht jedes Ding aus der „Substanz“, seinem nicht sinnlich wahrnehmbaren Wesen, und den „Akzidentien“, seinen wahrnehmbaren Eigenschaften. Das vierte Laterankonzil 1215 hat die Transsubstantiation festgeschrieben. Seitdem ist sie integraler Katholischer Glaube: „Durch die Konsekration des Brotes und Weines geschieht eine Verwandlung der ganzen Substanz des Brotes in die Substanz des Leibes Christi, unseres Herrn, und der ganzen Substanz des Weines in die Substanz seines Blutes.“ Im Gegensatz zur Lehre Aristoteles’ werden durch die Transsubstantiation der Substanz die Akzidentien nicht verändert.

Wie sollen also Veganer mit der Transsubstantiation umgehen? Können sie noch an der Feier der Eucharistie, also der heiligen Kommunion teilhaben, wenn dort tatsächlich Brot und Wein in Fleisch und Blut verwandelt gereicht werden? Oder verliert etwa die Katholische Kirche eine Bevölkerungsgruppe, die – zumindest in Deutschland – sich zunehmender Beliebtheit insbesondere bei jungen Menschen erfreut, die sich zu einer hoch moralischen Lebenshaltung bekennen, weil sie das Leid, das Menschen Tieren antun, nicht mehr mit ertragen können? Muss die Katholische Kirche ihre moralische Haltung heutigen Erfordernissen anpassen und damit womöglich einen zentralen Teil ihres Ritus umdeuten? Eine Spaltung könnte bei Beharren auf dem je eigenen Standpunkt unumgänglich werden.

Mit großer Spannung werden daher erste Ergebnisse aus der wissenschaftlichen Studie erwartet. Dass sie gerade an Fronleichnam bekannt gegeben werden, dem Tag, an dem Katholiken das „Fest des heiligen Leibes und Blutes Christi“ feiern, könnte darauf hindeuten, dass die Katholische Kirche ihre harte Haltung nicht aufzugeben bereit sei. Dennoch sind Zweifel angebracht. Da Papst Franziskus die Modernisierung der Katholischen Kirche und des Glaubens vorantreibt, ist es wahrscheinlich, dass die Wissenschaftler das römische Plazet einholen. Das könnte dauern. So deutet einiges darauf hin, dass das Urteil erst in einem Jahr, also am 1.4.2018 gesprochen wird, am Ostersonntag, dem Tag der Auferstehung des Herrn.

Zugleich und mit zahlreichen Kommentaren in der FAZ

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„Postfaktisch“ – ein Kampfbegriff von Intellektuellen

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In den letzten Monaten macht der Begriff „postfaktisch“ die Runde durch die deutschen Medien – und heute (9.12.2016) ist er von der Deutschen Gesellschaft für Sprache und Literatur zum „Wort des Jahres“ geadelt worden. Besser wäre, sie hätte ihn zum „Unwort des Jahres“ gewählt!

Seine Karriere ist, so meine Beobachtung, sehr eng verbunden mit den Lügen, die der inzwischen gewählte designierte Präsident der USA, Donald Trump, im Wahlkampf verbreitet hat. Inzwischen vergeht kaum ein Tag, an dem nicht insbesondere intellektuelle und bürgerliche Journalisten das „postfaktische Zeitalter“ ausrufen oder herbeischreiben wollen. Selbst ins berühmte Oxford Dictionary hat der Begriff „post truth“ Eingang gefunden. Und nur wenige Stimmen höre ich, die da widersprechen, so etwa Joachim Müller-Jung (FAZ) „Die ‚postfaktische Ära‘ ist Nonsens“, oder zuletzt Prof. Andreas Zick auf dem „Forum Wissenschaftskommunikation“ in Bielefeld, der den Begriff zurechtrückt: „Postfaktisch ist ein falscher Begriff, es geht um Verzerrung.“

Seien wir ehrlich: Gelogen wurde schon immer! Es gibt kaum ein Zeitalter, in dem nicht die Lüge Alltag war und ist: Die Geschichte ist voll von Herrschern und Politikern, die ihr Volk belogen, von Heeresanführern, die ihre Soldaten mit dem „Eldorado“-Versprechen in den Tod schickten, von Religionsstiftern, die das Paradies und dort gar die 70 Jungfrauen versprachen und noch immer versprechen. Mit einem gewissen scharfen Blick könnte man die gesamte Christliche Religion als auf Lüge aufgebaut darstellen, oder glaubt jemand wirklich an die Wahrheit der „Auferstehung“ des Leibes (allein die Vorstellung, was ich dort zu sehen bekäme, dreht mir den Magen um)? Wer Karlheinz Deschners „Das Kreuz mit der Kirche“ liest, bekommt einen tiefen Einblick in die Lügen der Katholischen Kirche. Es ist Zeit, Oscar Wilde wieder zu zitieren: „Truth, in matters of religion, is simply the opinion that has survived.” Und gilt das nicht auch in Politik, Wirtschaft, Alltag?

Meines Wissens hat außer Immanuel Kant (1724-1804) kaum ein Philosoph die Lüge und das Lügen so sehr und so konsequent geächtet; Kant hat noch nicht einmal die Notlüge zugelassen. „Konsequent zu sein, ist die größte Obliegenheit eines Philosophen, und wird doch am seltensten angetroffen“, schreibt er in der „Kritik der praktischen Vernunft“. Aber er wusste auch, dass ihm kaum jemand in dieser Konsequenz folgen würde. Auf der anderen Seite der Skala Friedrich Nietzsche (1846-1900). In seinem kurzen Text „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“ bezeichnet er die „Verstellung“ als „das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten …“ und dass die „Verstellungskunst“ im Menschen „auf ihren Gipfel“ kommt. Unter diese Kunst subsumiert er u.a. Täuschung, Schmeicheln, Lügen und Trügen, Hinter-dem-Rücken-Reden“ usw. um schließlich zu fragen: „Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur Wahrheit“, um dann zu urteilen: „Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind …“

Und wer ist schon so konsequent im Leben, wie Kant es gefordert? Wohl kaum einer uns. Will man Psychologen glauben, zeigen ihre Untersuchungen, dass jeder Mensch täglich lügt – die Bandbreite variiert wohl zwischen zwei und 200 Mal.

Was nutzt uns dann, wenn wir von „postfaktisch“ oder vom „postfaktischen Zeitalter“ sprechen? Wenn ich es richtig beobachtet habe, ging dem Begriff des „Postfaktischen“ zumindest in Deutschland der Vorwurf der „Lügenpresse“ voraus. Mit diesem Kampfruf bekämpfen (oder reagieren?) AfD, Pegida und ihre Anhänger insbesondere auf die etablierten bürgerlichen und linken Medien. Sie glauben ihnen schlicht nicht mehr; nicht, was Tagesschau, ZDF-Heute, die FAZ, SZ, ZEIT, der Stern und wie sie alle heißen, täglich verbreiten. Die Frage, ob zu Recht, stellt sich mir nicht, aber sehr wohl warum?

Meines Erachtens hat das „Warum“ diese Woche Stephan Lebert im Feuilleton der ZEIT (51/2016) mit seiner Kritik am Journalismus sehr gut dargelegt: Er wirft seiner Zunft vor, Teil des Establishments geworden zu sein, nicht mehr Geschichten und insbesondere nicht mehr Sozialreportagen zu erzählen: „Wir Journalisten haben bei dieser Entwicklung zu oft zugeschaut, haben zwangsläufig mit diesem Apparat {gemeint sind PR-Agenturen, Politikberater, Imageveränderer jk} zusammengearbeitet, mal besser und mal schlechter – und haben dabei einen fatalen Fehler gemacht: Wir haben darüber nicht berichtet, jedenfalls viel zu wenig. Wir haben die Manipulatoren wirken lassen – haben den Lesern und Zuschauern, also den Leuten, für die wir schreiben und senden, davon aber nichts mitgeteilt.“

Für mich folgt daraus, dass das Wort „postfaktisch“ die Reaktion der bürgerlichen und linken Intellektuellen auf den Vorwurf „Lügenpresse“ ist. „Postfaktisch“ ist genau so gummiartig, inhaltsleer, appellativ, vorwurfsvoll wie „Lügenpresse“. Es ist genau so falsch und genau so ein Konstrukt wie jenes. Nur dass „Lügenpresse“ uns „Intellektuelle“ erreicht und ins Herz trifft, umgekehrt „postfaktisch“ scheinbar an der Gegenseite abprallt, nicht die gleiche Wirkung erzielt. Macht nix, könnten wir sagen. Da wir bürgerlichen Intellektuellen, Akademiker usw. die breite Mehrheit der Qualitätsmedien lesen, ausmachen, beherrschen, können wir uns mit dem Begriff noch immer unseres eigenen „Besser-Seins“ versichern.

Darin liegt für mich die Krux und wesentliche Funktion des Begriffs „postfaktisch“: Er ist für uns ein Distinktionsmittel, um sich vom so genannten Pöbel oder von den rechten Gruppierungen zu unterscheiden, sich von ihnen weiter abzuwenden. Dass in und mit ihm zugleich die Hybris des „Besserwissers“ transportiert wird, will man nicht sehen.

Letztlich ist es so, dass unsere – sagen wir – antiintellektuellen Kontrahenten vermutlich auch Fakten wahrnehmen, nur stimmen diese Fakten nicht mit unserer Wahrnehmung überein – das meint Andreas Zick, wenn er von „Verzerrung“ spricht. Nun kann man lang und breit darüber philosophieren, woran das liegt. Es gibt vielerlei Gründe für diese Entwicklung. Der für mich – neben der Zersplitterung des Bildungsbegriffs –  offensichtlichste und entscheidende Grund ist die zunehmende Segmentierung von Öffentlichkeit, nicht nur aber nicht zuletzt durch Algorithmen. Wenn jeder nur noch die „Fakten“ in seiner eigenen Blase wahrnimmt und wahrnehmen will, lebt er – um ein altes Bild zu bemühen – mit Scheuklappen, ebenso wie jene, die Fakten ihrer anders gearteten Blase wahrnehmen.

Machen wir uns nichts vor: Es gibt schon lange nicht mehr die „Einheit von Tagesschau, Lokalzeitungen, FAZ, SZ, und Durbridge“ (damit Jüngere was zu „googeln“ haben 😉 ), Medien zumeist der 60+-Generation. Und weil das so ist und uns die Algorithmen in den sozialen Medien sowohl in Gruppen zusammenschmieden wie voneinander abgrenzen, sehen wir uns abgetrennt von Wahrnehmungen und Fakten anderer. Da begünstigt und fügt die Anonymität im Netz noch Aggression hinzu, und schon ist der Schritt zu „Hassreden“ getan.

Was tun also, um nicht zu resignieren vor Oscar Wildes Satz „Truth is independent of facts always“? In den Naturwissenschaften gibt es eine methodische Vereinbarung auf die Replikation der Ergebnisse, in den Geisteswissenschaften bei allem Methodenpluralismus eine Offenheit gegenüber Argumenten anderer. Aber auch die Wissenschaft ist eine Blase – meine Blase. Wie wir in ihr miteinander reden, uns untereinander auseinandersetzen, kommt in der breiten Mehrheit nicht an, bei allem Bemühen von Wissenschaft im Dialog, Wissenschaftskommunikation, Wissenschaft in Medien und auf der Straße.

Was tun also? Für die jüngere Generation gilt – in Abwandlung von Helmut Markworts „Fakten, Fakten, Fakten“ – mehr den je in „Bildung, Bildung, Bildung!“ investieren. Mehr und besser ausgebildete Lehre, mehr Zeit fürs Studium, anstelle des gegenwärtigen Durchhechelns von Prüfung zu Prüfung im Bulimie-Studium.

Und für die anderen? Ist für die Älteren der berühmte Zug schon abgefahren? Das wäre zu kurz gedacht und wir würden uns nicht an die eigene Nase packen. Besser ist es Innehalten, Zuhören, über Gesagte nachdenken, bevor man impulshaft „postfaktisch“ zuraunt. Aber es gilt auch, Standfestigkeit zeigen, die Quellen der anderen sichten, ihren Gehalt gegebenenfalls als falsch zurückweisen bzw. gegen die eigenen abgleichen.

So hat in den letzten 20 Jahren in kaum einem westlichen Land der Durchschnitt der Bevölkerung von der Globalisierung profitiert, wohl haben es aber die Konzerne und die Finanzindustrie. „Die Haushaltseinkommen der unteren 30 Prozent der Einkommensbezieher sind hierzulande seit 1991 nicht mehr gestiegen“, so der Würzburger Ökonom Peter Bofinger in der ZEIT. Trump, Le Pen, Frauky sind also nicht die Lösung des Problems, sondern die Folgen, insbesondere des entfesselten Kapitalismus und und der damit verbundenen Globalisierung und der Krise seit den 2000er Jahren.

Daher gilt: Lügen kann man entlarven! Aber Fakten stehen nicht für sich – sie bedürfen der Interpretation. Wie man sie interpretiert, ist eine Frage der Lebensvorstellung und Lebenseinstellung!

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„Herausforderung“  

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Über die Verarmung der deutschen Ausdrücke

Neulich las ich in einer Stellungnahme der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) zur „Humanen Genomsequenzierung“ folgende Zeilen: „Eine besondere Herausforderung stellen die sogenannten Zusatzbefunde dar.“ Und nur einen Gedankenstrich weiter: „Die Aufklärung von Patientinnen und Patienten bei humangenetischen Fragestellungen ist besonders herausfordernd und vielschichtig.“ Die Beispiele sind beliebig, ich könnte Hunderte weitere solcher Sätze aus Stellungnahmen, Pressemitteilungen und auch aus Interviews von Politikern zitieren. Ein weiteres Beispiel gefällig: „Geld hatte der Staat zu Zeiten der Hochschulgründungen genügend, die Politik hoffte mit Zuversicht, dass die Region sich als blühende Wissenslandschaft entfalten würde. Die Hege und Pflege dieses Erbes ist bis heute eine Herausforderung.“

Was kaum noch auffällt: Jedes Problem, jede Aufgabe, jede Schwierigkeit, ja auch jede Brüskierung, jede Bedrohung, jeder Affront wird verharmlost zur „Herausforderung“. „Herausforderung“ bzw. „herausfordernd“ gerinnen zu einem „Plastikwörtern“ (Uwe Pörsken): Diese Wörter tauchen in beliebigen Zusammenhängen auf, sind vielfältig verwendbar, klingen gut, man fragt nicht danach, was dahinter steckt bzw. die Sprecher sagen wollen; sie drücken sich damit aber stereotypisch und geschwollen aus.

Was meint nun Herausforderung? Im Alt- und Mittelhochdeutschen war mit „fordern“ ein „Verlangen“, aber auch das „anklagen“ verbunden, die Vorladung vor das Gericht; dahinter steckte auch anmahnen, befehlen, später das auch „überfordern“ und „ausdrückliches Verlangen“. Das Grimmsche Wörterbuch verbindet es noch mit der „provocatio“, (lat. die „Herausforderung zum Kampf“ bzw. „die Berufung auf einen höheren Richter“). Noch im 19. Jahrhundert „forderten“ sich Kontrahenten, so sie satisfaktionsfähig waren, zum Duell „heraus“.

Heute ist das alles passé! Man hat keine Probleme mehr, sondern steht vor (positiv ausgedrückt) Herausforderungen, man steckt nicht in Dilemmata, sondern vor einer Herausforderung, der Humangenetiker ist „herausgefordert“, die Nachricht eines bedrohlichen genetischen Defekts möglichst in Watte zu verpacken.

Soweit ich es beurteilen kann, ist das Wort „Herausforderung“ nicht zuletzt verarmt durch das Aufkommen der so genannten „political correctnes“. Zwar findet man für das englische Wort „Challenge“ ähnliche Bedeutungsnuancen wie „Aufforderung“, „Problem“, „Schwierigkeit“ etc. Aber weitere Nuancen mischen sich hinein und gewinnen an Bedeutung, darunter insbesondere – in der Übersetzung – „lockende Aufgabe“ und „Behinderung“. So darf man seit der Verbreitung der political correctnes nicht mehr sagen, jener sei „disabled“ („behindert“), sondern „challenged person“ („besonders herausgefordert“).

Die Sprache der „political correctness“ hat meines Erachtens viel mit der Sprache der Public Relations und des Marketings gemeinsam – und natürlich der Sprache des Politikers vor der Presse. Zwar sollen Pressesprecher die „Wahrheit“ verkünden, sie machen aber sehr schnell im Job die Erfahrung, dass sie zwischen allen Stühlen sitzen. So sehr sie um Glaubwürdigkeit bei Journalisten bemüht sind, so sehr sind sie dennoch Vertreter ihrer Institutionen und somit ihr und ihren Chefs die unbedingte Loyalität schuldig. So wird alles schön wolkig ausgedrückt, um ja niemandem auf die Füße zu treten oder – ganz natürlich – seinen Job nicht zu gefährden. Das wiederum begünstigt die Verarmung der Sprache. Lese ich neuere Meldungen aus der akademischen Welt etwa, aus den USA, England, aber auch inzwischen einiger deutscher Universitäten, so komme ich nicht umhin festzustellen, dass dieser Zeittrend sich verstärkt und die Verantwortlichen noch weniger bereit sein werden, „the middle of the road“ zu verlassen. Man möchte ihnen „mehr Mut“ zurufen …

Und so geraten wir immer mehr vor „Herausforderungen“, nicht mehr aber vor die Aufforderung zum akademischen Duell.

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Auch ich war in Hannover … *

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Vier Anmerkungen und ein Fazit zur Tagung „Forschungskommunikation unter PR-Druck“

Da zwei berufenere Kollegen (Josef Zens und Rainer Korbmann) deutlich schneller und ausführlicher als ich kommentierten, was am 5./6.10.2015 so alles auf der Tagung der VolkswagenStiftung „Forschungskommunikation unter PR-Druck“ gesagt wurde, beschränke ich mich auf vier kurze Lehren und ein Fazit:

1) „PR ist nicht die dunkle Seite der Macht!“ Diesen Anfangsworten von Jens Rehländer, Leiter der Kommunikation der VolkswagenStiftung, pflichte ich bei. So haben etwa Markus Lehmkuhl (Berlin) und Petroc Summer (Cardiff) deutlich gezeigt: a) Wissenschaftler sorgen schon vielfach selbst dafür, dass ihre Forschungsergebnisse übertrieben und gehypt werden („Wer nicht auf den Busch klopft, bekommt keine Drittmittel“), b) übertriebene Presseinfos ziehen übertriebene Berichte nach sich, dagegen sachlich korrekte Presseinfos sachlich unaufgeregte Berichte, und c) beide, sowohl übertriebene wie sachlich korrekte Presseinfos haben die gleichen Chancen, von den Medien verbreitet zu werden;

2) Nicht die Wissenschafts-PR, wie im Vorjahr, stand im Fokus der Kritik, sondern die Wissenschaft und das Wissenschaftssystem selbst. Dysfunktionen der neuen Steuerung von Wissenschaft, falsche Drittmittelallokation, Hirschindex, Exzellenzhype, suboptimale Publikationspraktiken, unzuverlässige Befunde diskreditieren die Wissenschaft und ihr System, so etwa Uwe Schimank (Bremen) und Hannelore Daniel (München). Hier gilt es, auf ein Normalmaß zurückzurudern. Aber wie …? 
Jens Rehländers Schlusswort: „Große Offenheit, aber kein Silberstreif am Horizont“ stimme ich in Bezug auf Wissenschaft zu, nicht aber aber in Bezug auf die Wissenschaftskommunikation. Da melde ich Widerspruch an, denn …

3) … den Silberstreif am Horizont finde ich im Zusammenschluss einer Reihe von Kolleginnen und Kollegen der Wissenschafts-PR, die kürzlich den Entwurf von „Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR“ zur Diskussion vorgelegt haben. Diese Leitlinien verdienen es, intensiv diskutiert, verbreitet und schließlich befolgt zu werden. Der PR kommt in Zukunft eine deutlich größere Verantwortung zu.

4) Der Wissenschaftsjournalismus verschwindet zunehmend von der Bildfläche, je mehr Zeitungen fusionieren und Verlage Sparprogramme durchsetzen. Das bedauere ich ausdrücklich. Ein Ausbruch in Hannover dazu: Nachdem Katrin Zikannt (Süddeutsche Zeitung) leider auf der alten Leier elitärer Wissenschaftsjournalisten gespielt hatte, wonach Pressemitteilungen schlecht und überflüssig seien und man Informationen aus ganz anderen Quellen gewinne, machte Stefan Zorn (Medizinische Hochschule Hannover) seinem Namen alle Ehre: Sinngemäß sagte er: ‚Die wenigen vorhandenen Wissenschaftsjournalisten interessieren mich nicht mehr. Mir reicht es, wenn ich eine Presseinformation über den idw verteile und sehe, wie häufig sie von den Medien weiter verbreitet wird.‘ Wörtlich der weitere „Zornesausbruch“: „Die Wissenschaftsjournalisten bekommen wir nicht wieder. Aber ein Korrektiv haben wir: den Shitstorm der sozialen Medien“.

Mein Fazit für die Kolleginnen und Kollegen in der Wissenschafts-PR: Je mehr der Qualitätsjournalismus als Korrektiv der Wissenschaftskommunikation ausfällt, desto mehr mussen sie in Zukunft Verantwortung übernehmen, desto mehr Selbstbewusstsein gegenüber Rektoren, Präsidenten und Wissenschaftlern ist nötig. Aber das Selbstbewusstsein muss mit ebenso viel Selbstkritik gepaart sein und mit noch größerer Sorgfalt bei Verfassen eigener Presseinfos und sonstiger Erzeugnisse, die nun direkt das Publikum erreichen. Die Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR sind eine wichtige Handreichung dazu – sie kann man getrost auch allzu forschen Forschern (der politcal correctnes geschuldet: auch „-innen“) unter die Nase reiben.

*) Das Ambiente hatte Flair, der Wein war ausgezeichnet, die Speisen mundeten, so dass man gar nicht mehr wegwollte – also: „et in arcadia ego“

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Früher war mehr Öffentlichkeit …

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 Gedanken zur Informationspolitik bei der aktuellen Rektorwahl in Bochum

Gestern hat mich ein Freund zuhause besucht, er ist Professor an der Ruhr-Universität Bochum. Als ich ihn fragte, ob er auch am Montag zum Spektakel Rektorwahl geht, rieb er sich die Augen und schaute mich völlig verwundert an: „Jetzt Montag wird der neue Rektor gewählt? Davon weiß ich nichts. Wer steht nun zur Wahl an? Gab es eine Presseinformation?“, so seine Fragen.

Nicht nur der Termin war ihm also völlig unbekannt, er wusste auch nicht welche Personen sich der Wahl stellen. Nun kann man einwenden, dass er sich um die Informationen selbst hätte bemühen können. Hätte er …?! Ist das seine Aufgabe? Was erfährt heute, am Donnerstag, 9.7.2015, ein normales Mitglied der Universität über die Wahl seines zukünftigen Rektors, eine Wahl, die in genau vier Tagen, also am kommenden Montag, 13.7., stattfindet? Wohlgemerkt: ein normales Mitglied meint Personen aus den Gruppen Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Mitarbeiter in Technik und Verwaltung sowie Studierende, die keinen Zugang zum Flurfunk haben!

Blättert man in den Presseinformationen der letzten Wochen oder Monate: Fehlanzeige! Liest man die Unizeitschrift RUBENS: Fehlanzeige. Schaut man auf die Homepage der Universität, so findet man erst seit zwei Tagen einen Bereich mit einem Link: „Rektorwahl > Informationen zur Wahlversammlung“. Der Klick dahin führt einen zu einer Seite, auf der Aufgaben und Mitglieder der Wahlversammlung (neues Gremium im neuen Hochschulgesetz NRW) aufgeführt werden. Diese Seite ist erst am 7.7. erstellt worden. Dort unter Termine findet man endlich den Hinweis auf den „13.07.2015 Konstituierende Sitzung und Wahl eines Rektors / einer Rektorin“ und eine PDF-Datei mit dem Ablaufplan für die am Montag angesetzte Wahl.

Aus dürren Tagesordnungspunkten erfährt man da, dass sich der Wahlausschuss konstituieren, dass er sich erst eine Geschäftsordnung geben wird und dass sich im Anschluss zwei Kandidaten vorstellen werden. Um 13:30 h hat der „erste Kandidat“ 15 Minuten Zeit, die „Eigene Vorstellung zur Amtsführung“ vorzutragen und im Anschluss wird er darüber bis zu 30 Minuten befragt. Um 14:30 h hat dann der „zweite Kandidat“ seine 15 Minuten für die „Eigene Vorstellung zur Amtsführung“ und wird ebenfalls bis zu 30 Minuten befragt.

Mehr nicht? Doch: am 30.6. gab es im so genannten Aktuellportal der Uni eine Meldung mit noch geringerem Inhalt. Dort hieß es nur, dass am 13.7. ein neuer Rektor gewählt werden „soll“ und ganz unten unter der Zwischenüberschrift „Hintergrund“ die Erklärung: „Die Findungskommission für das Rektoramt … hat ein Ergebnis erzielt und schlägt der Hochschulwahlversammlung zwei geeignete Bewerber zur Wahl vor.“

Kein Wort darüber, welche Kandidaten zur Wahl stehen, keine Biografien der Kandidaten, keine Bilder der Kandidaten, keine schriftlich fixierten Vorstellungen der Kandidaten über Ihr jeweiliges Programm für das Rektoramt.

Ich weiß: In Deutschland ist sind Wahlen frei und geheim. Aber so viel Geheimnistuerei auf einmal? Ist das nötig? Dass man nichts über die Kandidaten und ihr Programm erfährt, so geheim sollte doch nicht sein.

Selbst auf die Gefahr als „Laudator temporis acti“ („Lobredner alter Zeiten“, Horaz) beschimpft zu werden, wage ich einen kleinen Blick zurück.

Früher war mehr Hochschulöffentlichkeit – Als z.B. 2006 die Wahl des Rektors anstand, wurde mit einer breit gestreuten Presseinformation am 9.5.2006 darüber informiert, dass am 1.6.2006 die Wahl sei, dass als Kandidaten die Professoren Gerhard Wagner und Elmar Weiler antreten, dass sie sich am 24.5. der Hochschulöffentlichkeit vorstellen und dass bereits ab dem 19.5.2006 ihre Vorstellungen über die Amtsführung im Internet veröffentlicht werden.

Es ist in meinen Augen schlicht ein Skandal, dass über eine die Zukunft meiner alten alma mater bestimmende Wahl so wenig bekannt wird, dass mit keinem Wort über die Kandidaten und ihre Vorstellungen informiert wird. Und mir ist es egal, ob das eine Direktive von ganz oben ist, also aus dem Senat, dem Hochschulrat, oder ob das Dezernat Hochschulkommunikation hier säumig ist. Fakt ist: Wer nicht am Flurfunk teilhat, ist von wesentlichen Informationen ausgeschlossen. Da muss man sich nicht wundern, wenn Journalisten das Interesse verlieren oder wenn es heißt, die Hochschulkommunikation beschränke sich neuerdings auf Marketing und Eigenlob.

Bei so viel Geheimniskrämerei fällt mir nur die Devise des englischen Hosenbandordens ein: „Honi soit qui mal y pense“? (Ein Schuft, wer Böses dabei denkt“)

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Von „Kinder-Unis“ und wie sich journalistische Rollen verwischen

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Neulich war ich wieder mal in Sachen Kinder-Unis unterwegs. Die Redaktion Wissenschaft und Bildung des Deutschlandfunks hatte mich für die Sendung „Campus & Karriere“ zu einem Streitgespräch mit der Tübinger Journalistin Ulla Steuernagel gebucht (gesendet am 16.5.2015). Ich sollte die „Gegnerposition“ einnehmen. Eine Rolle, die ich bereits ein Jahr zuvor auf der internationalen Kölner Kinderuni Tagung „Unterwegs zur besten Kinderuni“ gespielt hatte und in die mich damals Michael Seifert aus Tübingen gleichsam „gedrängt“ hatte. Na ja, „halb zog er mich, halb sank ich hin“.

Wenn ich das Streitgespräch mit Ulla Steuernagel erneut höre, kommt es mir so vor, als ob wir aneinander vorbeireden. Sie hat nur den Blick frei für die Erfolgsstory der Kinder-Unis und deren nicht erwiesene Rolle in der frühkindlichen Bildung. Mein Blick richtet sich daran vorbei auf die Aufgaben, Zielgruppen und Finanzen von Universitäten. Dabei leugne ich keineswegs, dass Kinder vom Besuch der Kinder-Unis fasziniert nach Hause zurückkehren und dass auch Professoren ihren Spaß an den Veranstaltungen haben. Doch darum geht es mir hier gar nicht.

Was mir an diesem Fall symptomatisch erscheint, ist die Vermischung von Rollen und Aufgaben zwischen Journalisten einerseits und den Mitarbeitern in Presse-, PR- und Marketingabteilungen von Hochschulen andererseits. Meine Bedenken entzünden sich daran, dass meine Gesprächspartnerin Ulla Steuernagel als Redakteurin beim Schwäbischen Tagblatt zusammen mit ihrem Kollegen Ulrich Janßen als „Miterfinderin der ersten deutschen Kinder-Uni in Tübingen“ gilt. Die beiden sind 2002 an Michael Seifert, damals Pressesprecher der Universität, mit der Idee herangetreten, eine ‚Universität für Kinder‘ zu veranstalten. Seifert hat diese Idee dankbar aufgegriffen, und so haben die drei den ersten Stein ins Wasser geworfen. Seitdem schwappen die Wellen der Kinder-Unis ohne Unterlass über: Inzwischen gibt es allein in Deutschland mehr als 70 Universitäts- bzw. Hochschulstandorte, die regelmäßig Kinder-Unis veranstalten. Michael Seifert hat zuletzt sogar ein EU-Projekt zu Kinder-Unis koordiniert und geleitet.

Eine Erfolgsstory – doch nicht nur für die Kinder-Unis, sondern erst recht für die „Miterfinderin“ Steuernagel. Sie hat der Universität Tübingen eine ‚Milchkuh‘ aufgeschwatzt, deren bundes- wie europaweiten Erfolg sie für eigene Berichte und Bücher seitdem kräftig ‚melkt‘. Davon zeugen inzwischen drei „Kinder-Uni-Bände“, allesamt „Bestseller“, die „mehrfach ausgezeichnet“ und „mittlerweile in 17 Sprachen übersetzt“ wurden. Das sei ihr gern gegönnt!

Was mir dabei sauer aufstößt: Den Journalisten ist es prinzipiell egal, dass sie Themen erfinden, über die sie im Anschluss berichten (möchten) – und natürlich sind leuchtende Kinderaugen ein willkommener Anlass für bunt-bebilderte Zeitungsseiten, die sich gut verkaufen lassen. Den Universitäten ist es dabei nur recht, dass Medien ihnen Marketingideen ‚verkaufen‘, die diese kontinuierlich für eigene Zwecke ausweiden. Hauptsache, die Unis erfreuen sich daran, das Audimax oder andere Hörsäle mit Grundschul- und anderen Kindern sowie ihren Lehrerinnen und/oder Eltern gefüllt zu sehen – und noch mehr darüber, den Anlass zu geben, dass regionale Medien in großer Aufmachung über sie berichten. Dabei kümmert es sie auch nicht, dass Kinder zwischen sechs und zwölf weder zur eigenen Zielgruppe gehören, noch dass es nicht die Aufgabe von hoch bezahlten Professoren sein kann, Kinder zu belustigen. Dass schließlich arg unterfinanzierte Universitäten ihre knappen Grundmittel für fremde Zwecke einsetzen, sei nur am Rande vermerkt, denn mit Forschung und echter Lehre haben Kinder-Unis nun wirklich nichts zu tun.

Die Kinder-Unis sind für mich aber nur ein Symptom für die zunehmende Verwischung von Rollen zwischen Journalismus, Public Relations und Marketing. Lokalredakteure versammeln allenthalben Chefärzte auf Podien und am Telefon ihrer Redaktionen, laden Leser zu Fragen ein und schaffen auf diese Weise Anlässe für Berichte und jene „Service“-Seiten, die mehr und mehr saisonal passend die Printmedien bevölkern. Spiegel, ZEIT und andere große Blätter machten es schon vor Jahren vor, indem sie ihre Herausgeber, Chefredakteure, Ressortleiter in Veranstaltungen mit Professoren, Politikern, Wirtschaftsmagnaten etc. einbanden und darüber in großer Aufmachung berichteten.

Für beide Seiten ist das – neuhochdeutsch gesprochen – eine echte „win-win-Situation“. Medien, Universitäten, Krankenhäuser und viele andere mehr profitieren gleichermaßen und gleichzeitig von solcher Zusammenarbeit; und sie profilieren sich in fremden Aufgaben, oder soll ich sagen: wildern in fremden Revieren? Der Trend ist nicht brandneu und kaum zu übersehen: Zuschauer und Zuhörer sind längst „Mitgestalter“ von Sendungen und in diese eingebunden – die wohl billigste Form, Radio und Fernsehen zu machen und dabei sich nicht nicht darum zu kümmern, ob die Programqualität darunter leidet.

Wenn also zunehmend Journalisten Entlassungen und den Niedergang ihrer eigenen Zunft beklagen, wenn sie sich weiterhin gezwungen sehen, offen oder verdeckt für PR-Abteilungen zu schreiben, wenn manche Wissenschaftsjournalisten sich mehr um die Qualität von Pressemitteilungen als die eigenen Texte sorgen und wenn umgekehrt Pressesprechern in den Medien die Ansprechpartner abhanden kommen, könnten sich die Beteiligten vielleicht mal fragen: Beschleunigt der Journalismus seinen Fall oder hinterlässt er eine Bremsspur, wenn er bei dieser Zusammenarbeit die Rollen verwischt und dabei seine ursprünglichsten und vornehmsten Aufgaben hintergeht: Kritisch zu berichten und zu kommentieren, was in der Welt geschieht?

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